Immer wenn wir in Kenia
von einem Naturpark zum nächsten unterwegs waren und zwecks Pinkelpause einen
der landestypischen Rastplätze ansteuerten, bekam Petra von mir das gleiche zu
hören: „Diesmal kaufen wir aber nix. Diese Ramschbuden haben sowieso immer den
gleichen Schund und viel zu teuer sind sie obendrein. In Mombasa kriegst Du
viel bessere Sachen und wirst auch mit den Preisen nicht so beschissen – und
ein bisschen sparen sollten wir auch!“ Und in dem Moment wo ich das sage,
glaube ich es sogar selbst - allerdings nur ich.
Man muss wissen, dass
der Mittelpunkt eines durchschnittlichen kenianischen Rastplatzes immer ein
riesiger Souvenirshop ist, wo man alles, was gut oder auch nicht so gut, teuer
(worauf man sich immer verlassen kann) und vor allem aber völlig nutzlos ist.
Ich habe jedenfalls bisher in keinem dieser Shops etwas gesehen, das für etwas
anderes zu gebrauchen gewesen wäre, als es einige Jahre zuhause auf dem
Sideboard verstauben zu lassen, um dann einen ungeliebten Verwandten damit zu
beglücken oder es für die Tombola anlässlich der Jubiläumsfeier des
benachbarten Kaninchenzüchtervereins zu stiften.
Aber kaum sind wir
ausgestiegen, riskiere ich doch einen Blick ins lockende Halbdunkel der mit
tausend Tierplastiken aus Holz, Malachit oder Speckstein, Schachspielen,
Schalen, Schüsseln, Keramiken, Perlenschmuck, „garantiert echt antiken“ Massai-Schilden und -Speeren und überhaupt
allem, was man einem Touristen für Geld andrehen kann, voll gestopften
Bretterbude und schon beginnen die guten Vorsätze dahin zu schmelzen wie Wachs
in der Sonne. „Egal! Ich geh da jetzt rein. Anschauen kostet nix und vielleicht
finde ich ja gerade hier die ultimative Plastik, nach der ich schon immer
gesucht habe - und überhaupt!“ Ich fühle den von dem dunklen Eingangsloch
ausgehenden Sog und frei nach Schiller (glaub ich zumindest), halb zog sie ihn,
halb sank er hin, mache ich, Petras vorwurfsvollen Blick im Rücken spürend, den
ersten Schritt. Sowie ich die Schwelle zum düsteren Reich der Versuchung
überschritten habe, erfasst mich diese gemeinhin als Sommerschlussverkaufswahn
bekannte Hochstimmung und der auf den langen Holztischen aufgestapelte Krempel
beginnt sich vor meinen Augen auf höchst wundersame Weise in begehrenswerte
Accessoires und erlesene Kunstschätze zu verwandeln.
Ich schlendere also
durch die Reihen, hebe hier mal eine geschmackvolle Keramikschale hoch (würde
sich fabelhaft auf dem Sideboard neben der Gazelle vom Vorjahr machen und kein
Gedanke, dass sie wie ihre tausend Schwestern beim ersten Kontakt mit Wasser wahrscheinlich
gut die Hälfte ihrer Farbe verlieren wird), inspiziere dort einen sehr schönen,
mit Reliefschnitzereien verzierten Holztopf mit Deckel (da könnte man wunderbar
die Weihnachtsplätzchen rein tun) aber wohlgemerkt alles mit betont zur Schau
gestelltem Desinteresse und gelangweiltem Gesichtsausdruck. Bei jedem Stück,
das ich anfasse, murmle ich halblaut eine abfällige Bemerkung und stelle es mit
verächtlicher Miene zurück, um dem Verkäufer, der mich seit meinem Eintritt
verfolgt und mich auch nicht eine Sekunde aus den Augen lässt, nur ja keine
Gelegenheit zur Attacke zu bieten.
Ein herrliches Gefühl
zu wissen, dass all diese Schätze mir gehören können, wenn ich nur will! Die
Reisekasse ist ja noch leidlich gefüllt. Das einzige wirkliche Hindernis ist
das Transportproblem. Zum Beispiel hier dieser herrliche Elefant aus garantiert
„solid Ebony“ (botanisch: Fischkistia Schuhwichsiana). O.k., vielleicht ein
wenig sperrig und mit schätzungsweise 40 Kilo auch nicht mehr unbedingt als
Bordgepäck deklarierbar. Oder direkt daneben die wunderschöne, grazile, gut
einssechzig hohe Giraffe, das untrügliche Kennzeichen für die Zollbeamten auf
dem Frankfurter Flughafen, dass sie es mit heimkehrenden Keniatouristen zu tun
haben, wenn viele Menschen mit gut
mannslangen, ofenrohrähnlichen Paketen und ob des untrüglichen Beweises
ihres guten Geschmacks verlegen grinsend durch die Zollkontrolle dem Ausgang
zustreben.
Mit den kenianischen
Tierplastiken ist es eine merkwürdige Sache: Es gibt tausend verschiedene
Elefanten. Hölzerne, steinerne, große, kleine, dunkelbraune, hellbraune und
schwarze, rennende, stehende, sitzende, liegende - egal, alle sehen aus wie
Elefanten aussehen sollen. Nashörner sehen wie Nashörner aus, Giraffen wie
Giraffen, Gazellen wie Gazellen und Büffel wie Büffel (bis auf den einen, den
ich in Diani Beach erworben habe und der aussieht als würde er entweder an
einer schweren Sportverletzung oder gar an der bei Hundefreunden kurz als
„HD“ bekannten Hüftgelenkdysplasie leiden und der eine vage
Ähnlichkeit mit einem Mastino Napolitano aufweist).
Nur Löwen nicht! Löwen
sehen nie wie Löwen aus. Wenn der
Körper manchmal noch halbwegs stimmen mag, haben die Köpfe keinerlei
Löwenähnlichkeit und sehen aus wie Pavian- oder Hundsköpfe oder die von
irgendwelchen Fabeltieren. Die kriegen Katzengesichter hier einfach nicht hin.
Auch Leoparden erkennt man lediglich daran, dass die typischen Flecken mit
dunkler Beize aufgetupft sind. Ansonsten könnten sie auch rachitische
Greyhounds oder Barsois darstellen. Wenn diese Leoparden ganz besonders dünn
und hinfällig aussehen, handelt es sich um Geparden.
Man kann suchen, so viel man will, man wird in ganz Kenia keine geschnitzten
Raubkatzen mit richtigen Raubkatzengesichtern finden, egal ob in Straßenläden,
Souvenirshops oder Kunsthandwerkboutiquen. Bei letzteren kommt noch erschwerend
die gewollte „künstlerische Verfremdung“ hinzu.
Das einzige halbwegs
realistische Raubkatzengesicht, das mir bisher untergekommen ist, ziert den
Kopf eines kleinen Kaffernbüffels, der mir neben einem Saafarioutfit bestehend
aus sehr britisch aussehenden (also extrem leger geschnittenen und
schlabberigen) khakifarbenen Shorts der Größe Triple X komplettiert mit einem
mausgrauen T-Shirt unterer Qualität, Größe S in der Amboseli Serena Lodge im
Auftrag von Tui als Begrüßungsgeschenk überreicht worden war (jetzt fällt mir
gerade siedend heiß ein, dass ich ganz vergessen habe, mich schriftlich bei Tui
für diese spendable Geste zu bedanken).
Aber diesmal war alles
anders: Schon fast wieder am Ende meines Rundgangs angekommen und stolz, bis
auf einige Kleinigkeiten wie besagte Schale und besagten Topf allen
Versuchungen widerstanden zu haben, trifft es mich wie ein Blitzschlag aus
heiterem Himmel: Da steht er! Mitten zwischen tausend nichts sagenden und
staubigen Nashörnern, Hippos und Gazellen! Mein Löwe! Genauer gesagt meine
Löwin. Eine ziemlich große und schwere aber doch elegante Plastik aus hellem
Edelholz. Wunderschön, dieser majestätische Kopf! Diese Linien! Diese Dynamik!
Dieser geschmeidige Körper! Diese gesammelte Kraft! Der honigfarbene Glanz
ihres polierten, fein gemaserten edlen Holzes lässt alles andere im Umkreis
verblassen. Das war es! Danach habe ich schon immer gesucht und jetzt endlich
habe ich sie gefunden, hier in einem schnöden Ramschladen am Stadtrand von
Nanyuki, an einem ganz gewöhnlichen Tag! Wer hätte gedacht, dass noch so etwas außergewöhnliches passieren würde, als wir heute früh ins
Auto gestiegen sind. Diese Löwin muss die meine werden!
Erschreckt halte ich
inne. Ich habe mich gehen lassen! Wenn der Aasgeier hinter mir diese
Gefühlsaufwallung mitbekommt, kostet mich das glatte 1000 Schilling. Vorsichtig
schiele ich nach hinten zu dieser Hyäne in langen Hosen und weißem Hemd. Zu
spät! Sein triumphierendes Grinsen zeigt mir, dass er das verräterische
Aufblitzen in meinen Augen selbst in diesem diffusen Licht erkannt und richtig
gedeutet hat. „You like it? I can make a good price
four you, my friend.” “I’m not interested” log ich und er wusste, dass ich log und ich
wusste, dass er wusste.
“Just for fun, how much is it?“ “Special price, only for our jamman friends!” “HOW MUCH!?!?“ “Very good price, only 13000”.
Aua! Rund hundertfünfzig Euro sind ja nun wirklich kein Pappenstiel, selbst für
dieses einmalige, ausgesucht schöne und herrliche Stück. Auch wenn ich den
üblicherweise durch zähes Feilschen erreichbaren Nachlass von etwa 50 Prozent berücksichtige,
bleibt immer noch ein recht erkleckliches Sümmchen übrig. “Hä?
I want the price for this single piece of firewood and not for the whole shop!”
(eine
meiner Waffen für ganz krasse Fälle, auf die ich besonders stolz bin).
Zu meinem Verlangen
gesellte sich jetzt noch der sportliche Ehrgeiz und ein Zurück kam keinesfalls
mehr In Betracht. Das musste ausgefochten werden! „Wollen doch mal sehn, ob ich diesen Bengel
nicht in den Griff bekomme“ denke ich. Was ich mir denn so vorstellen würde,
wollte er wissen. „I don’t want to buy. But if I
wanted, I would not give more than 4000”. Seine deutlich zum Ausdruck gebrachte
Entrüstung über mein zugegebenermaßen ziemlich dreistes Gegengebot war
wahrscheinlich sogar echt.
Jetzt flog der Ball
munter hin und her. Während er seine 6 starving Children (tüchtig, tüchtig bei
einem geschätzten Alter von knapp
20) ins Spiel brachte, versuchte ich ihn davon zu überzeugen, dass a
small deal better als no business und not all „Jammans“ rich seien. Auch mein
Einwand, dass ich nicht mehr genügend Cash dabei hätte und der Löwe nicht ohne
Grund schon Jahre hier herumstehen müsse, denn sonst hätte er nicht so viel
Staub angesetzt, brachte ihn nicht in Verlegenheit. Erstens hätten sie einen
electronical Card Reader (natürlich, wo heute schon jeder Massai mit
Automatikuhr und Handy herumrennt) und zweitens wäre da ein Amerikaner, der den
Löwen eigentlich schon so gut wie gekauft habe und ihn in zwei Tagen auf dem
Rückweg mitnehmen wolle.
Und so ging’s hin und
her bis die Verhandlungen schließlich bei 7000 zu 9000 Schilling ins Stocken
kamen und mir als letztes, aber erfahrungsgemäß erfolgreiches Mittel, der
Rückzug blieb. Entweder es half auch diesmal oder ich
musste ohne meine Löwin abfahren. Ich teilte dem Verkäufer, der in der Hitze
des Gefechts schon tüchtig ins Schwitzen gekommen war also mit, dass er, falls
der Ami doch nicht in zwei Tagen käme, versuchen solle, seinen Löwen meiner Oma
anzudrehen, die würde demnächst auf dem Jahresausflug ihres Kegelvereins hier
vorbeikommen und mit festem Schritt meine Entschlossenheit demonstrierend, trat
ich hinaus ins grelle Sonnenlicht, wo Petra ob meiner (bis auf Schale und Topf)
leeren Hände erleichtert aufseufzte. Aber zu früh gefreut: Wir waren noch nicht
am Auto angelangt, als der Verkäufer wie erwartet, angerannt kam: „The Boss
wants to talk to you!“ Fein, wenn der Boss etwas mit mir zu bereden hätte, möge
er sich herbemühen, aber bitte haraka
sana, weil wir etwas in a hurry wären.
Der Boss bemühte sich
denn auch und meinte mit Gönnermiene, dass er das Kleinod seinem Jamman friend
für nur 8500 über-lassen würde. Den Fuß schon auf dem Trittbrett, sagte ich „Seven
five! And this is MY last word.” “Ok”
murrte er, drehte sich um und watschelte, leise über seinen „jamman friend“ vor
sich hin maulend zu seinem Thron zurück.
Kurz darauf lag mein
sorgfältig verpackter Schatz für meinen Geschmack nicht sicher genug verstaut
auf dem Beifahrersitz neben Lazarus, unserem Fahrer, der eigentlich John heißt
und mit dem wir schon die zweite Tour durch Kenia machten und den so leicht
nichts aus der Ruhe bringen kann und der immer, wenn er mit mir redete, den
liebevoll besorgten Ausdruck eines leidgeprüften Vaters annahm.
„Lazarus, der wird
doch geklaut, wenn er so offen daliegt, oder?“ „Lazarus, pass mir ja auf, dass
da nix dran kommt!“ „Lazarus, ich sach Dir, wenn mein Löwe bei Deinem Fahrstil
runterrutscht und kaputt geht, kriegste orntlich Ärger!“ Lazarus blickte
ergeben zum Autodach „Nein Chef“, „ja Chef“, „nein Chef“.
Versuche, bei Lazarus
in Erfahrung zu bringen, ob man für seinen Einkauf einen günstigen oder zu
hohen Preis gezahlt hat, scheitern grundsätzlich. Auf eine diesbezügliche Frage sieht er mir
mit leerem Blick kurz in die Augen und dann auf den Boden, bei einem Afrikaner
ein untrügliches Zeichen, dass er auf stur geschaltet hat. Der Grund für diese
Zurückhaltung dürfte sein, dass die Fahrer mit den Shopbesitzern eine
Vereinbarung haben und an den Einkäufen ihrer Fahrgäste mitverdienen. Dafür
spricht auch die Tatsache, dass Lazarus immer exakt dieselben Rastplätze
ansteuert und andere, die oft viel einladender aussehen, grundsätzlich links
liegen lässt.
Irgendwann geht jeder
Urlaub einmal zu Ende, so auch der Unsere. Als wir nach langem Flug endlich im
Taxi saßen und gen Eidelstedt fuhren, konnte ich das Wiedersehen mit meiner
Löwin kaum noch erwarten. Dann waren wir endlich da und mit einem Gefühl,
ähnlich dem, wenn man nach langer Trennung endlich seine Liebste in die Arme
schließen kann, überließ ich die Bezahlung des Taxifahrers meiner Frau,
schnappte die Taschen, hastete ins Haus, riss mit fliegenden Händen den
Reißverschluss der Tasche auf und hob mein Baby ans Licht. Eine symbolische
Geburt! Mit zitternden Fingern schnitt ich die diversen Klebebänder durch und
riss das Packpapier herunter.
Doch was war DAS?
Was da zum Vorschein kam, war nicht meine Löwin, das war ein Monster! Unsere beiden
Stubentiger, die mir zur Begrüßung um die Beine gestrichen waren, stoben
kreischend mit zu Flaschenbürsten gesträubten Schwänzen davon. Was hat man nur
mit meinem Löwen angestellt? Wo war die Eleganz und Geschmeidigkeit geblieben,
wo die erhabene, königliche Erscheinung? Der Kopf mit dem krampfartig wie im
Brechreiz aufgerissenen Maul gleicht dem des steinernen Dämons auf dem Dach des
Wolkenkratzers in Ghostbusters. Das Kinn hat eine fatale Ähnlichkeit mit einer
Baggerschaufel, während der Körper an eine Kreuzung zwischen Bison, Grizzly und
deutschem Schäferhund erinnert. Kurz, ein Alptraum! Das in Holz gehauene
Grauen! Petra, die das Werk bis dahin nur verpackt gesehen hatte und mir
deshalb beim Auspacken neugierig über die Schulter blickte, zog scharf den Atem
ein. „Also ins Wohnzimmer kommt mir DAS nicht!“
Ein Hesse wirft etwas,
das fast neunzig Euro gekostet hat, nicht weg und darum steht der Löwe, pardon,
die Löwin jetzt in unserem Arbeitszimmer hoch droben auf dem Bücherschrank
Modell Billy mit Glastüren und schaut drohend auf uns herab. Wenn ich abends am
PC sitze und ihr den Rücken zukehre, beschleicht mich oft ein ungutes Gefühl.
Aber dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass sie mit diesen Proportionen keinen
Schritt gehen, geschweige denn springen könnte und beim Versuch, sich auf mich
zu stürzen, unweigerlich auf die Schnauze fallen würde. Unsere beiden Miezen
trauen sich inzwischen auch wieder in das Arbeitszimmer hinein, jedoch nie ohne
einen argwöhnischen Blick nach oben.
Manchmal liege ich nachts
wach und zergrüble mir das Gehirn, was die in dem Shop in Nanyuki mit mir
angestellt haben und warum meine Frau nicht besser auf mich aufgepasst hat und
warum immer mir so was passieren muss!