Wer schon einmal mit
dem Auto auf Kenias Straßen unterwegs war, kennt die alle irgendwie gleich aussehenden
„Raststätten“: Ein staubiger Parkplatz, eine riesige, dunkle mit Souvenirs
aller Art voll gestopfte Bretterbude genannt „curio shop“, deren einzige Beleuchtung das durch Eingangstür und
Wandritzen fallende Tageslicht ist. Unter dem Vordach befindet
sich ein Getränkeschalter und zwei oder drei Holztische mit Bänken, wo die
Safariguides ihre Getränke zu sich nehmen und Neuigkeiten austauschen. Hinter
dem Shop findet man die meist in ordentlichem bis erträglichem Zustand
befindlichen Toiletten. (Falls man es nicht sieht: Der Massai auf dem Klobild
hat tatsächlich ein Handy in der Hand. Ansonsten scheint seine Angelegenheit
ziemlich dringend zu sein!)
Um den Eingang lungern immer so zwischen 5 und 10 Einheimische herum, von
denen etwa ein Drittel auf Provisionsbasis als Souvenirverkäufer tätig ist, was
man ganz schnell bemerkt, wenn man sich dem düsteren Andenkenparadies nähert:
„Come in my friend, good prices!“ “Nee, ich will jetzt nix kaufen, wir haben
schon alles“ (ist natürlich Quatsch, warum würde man sich denn sonst an der Tür
herumdrücken und der Verkäufer, der Dich in der Regel schon auf dem Zettel hat,
wenn Du noch gar nicht richtig aus dem Auto geklettert bist, weiß das genau). „You don’t have to buy my friend, only looki
looki!“.
Wenn sich ein zu gut
genährter Mensch tatenlos mit gelangweilter Miene in einem meist sogar etwas
erhöht aufgestellten Lehnstuhl räkelt, dann ist dies in aller Regel der Chef
des Unternehmens. Die übrigen Leute gehören nicht zum festen Personalbestand
und sind entweder Schnorrer, welche die Raststätte als Jagdgebiet nutzen oder
sind einfach nur da, weil sie sonst nichts zu tun und hier wenigstens ab und zu
mal was zu lachen haben.
Die Schnorrversuche
laufen im Allgemeinen nach festen Regeln ab und beginnen mit der Frage nach der
Herkunft. „Where you come from?“ “Germany“ antworten wir wahrheitsgemäß. „Ahh
Jammany! Jammans are our best friends” was man allerdings richtig einordnen
muss, denn je nach Bedarf sind auch die French-, Swiss- oder Dutch People die
best friends. Nur mit den Amis haben sie es nicht so sehr, die sind nur
einfache friends, bestenfalls noch good friends.
Wenn man diesen Dialog
nicht sofort abbricht, erfolgt jetzt der eigentliche Angriff. Gegenstand eines
Schnorrversuchs kann so ziemlich alles sein, was Touristen mit sich
rumschleppen. Das geht von einer Zigarette bis zum Cap oder Shirt. Sofern die
Verhandlungen nicht so recht in Schwung oder gar ins Stocken kommen, was je
nach den Wert des Gegenstands der Begierde relativ schnell geschehen kann (mir
wollte einmal einer einmal mein Handy abschnacken, das ich unbedachter weise
hervorgeholt hatte, um unserer Tochter eine SMS zu senden) erfolgt ein
Hilfsmanöver in Form eines Tauschangebots, was man aber keineswegs wörtlich
nehmen sollte, denn es ist ob des offensichtlichen Mangels an Masse meistens
lediglich rhetorisch gemeint.
Sofern die erstrebte
Beute ein kleiner Geldbetrag ist, erfolgt anstatt des Tauschangebots, schon mal
gern der Hinweis auf die sechs hungrigen Kinder, was einem dann doch verwundert,
wenn der geplagte Vater gerade erst selbst den Kinderschuhen entwachsen ist.
Einmal fragte ich einen der Schlachtenbummler, ob das denn stimme, dass der
Junge da so eine große Kinderschar in die Welt gesetzt hätte. Der Gefragte
kreischte vor Vergnügen und meinte, da wären sogar eventuell noch zwei oder
drei in der Nachbarschaft, von denen der noch gar nichts wisse.
Je nach dem
Toleranzgrad des Shopinhabers, der sich natürlich nicht so gern seine Geschäfte
versauen lässt, können Schnorrer auch schon mal etwas dreister werden und gar
versuchen, einem den Gegenstand ihres Begehrs aus der Hand zu winden, „um ihn
sich genauer anzusehen“. Wenn man dann da etwas energischer dagegenhält, genügt
das in den allermeisten Fällen.
Einmal allerdings, auf
der Fahrt vom Amboseli nach Voi an einer sehr abgelegenen kleinen Raststätte am
Rand der unbefestigten Piste kam mein gerade erst gefestigtes Weltbild ins
Wanken als der Dialog nach dem, „Where you come…“ eine verblüffende Wendung
nahm: Anstatt des „Jammans are our best friends“ kam völlig unerwartet „Ahh,
Jammany! Fränkfat, Dassldoorf, Hämbag“. Noch verblüffender war allerdings die
Tatsache, dass kein anschließender Schnorrversuch erfolgte. Ich muss gestehen,
dass Ich von dieser Wendung keineswegs begeistert war, denn wer lässt sich
schon gern seine Vorurteile einfach so kaputt machen.
Kreative Köpfe
verlassen irgendwann die ausgetretenen Pfade und setzen ihre Fantasie zur
Entwicklung neuer Strategien ein, um die Geldbeutel der Touristen um ein paar
Cent zu erleichtern. Während unserer ersten Rast auf der Fahrt von Nairobi zum
Amboseli Nationalpark kam ich mit einem sauber gekleideten älteren Mann mit
angenehmen Umgangsformen und bescheidenem Auftreten ins Gespräch. Er mir
erzählte mir, dass er Münzsammler sei und fragte ob ich nicht zufällig die
deutsche Zweieuromünze dabei hätte, denn die würde in seiner Sammlung noch
fehlen und hier, abseits der großen Städte käme man nur schwer an ausländisches
Münzgeld heran. Dies leuchtete mir ein und weil ich selbst ein engagierter
Sammler von allem möglichen bin, kramte ich meinen einzigen Zweier hervor, für
den er sich artig bedankte.
Zu meinem Erstaunen
traf ich zwei Stunden später bei der nächsten Pinkelpause schon wieder einen
Numismatiker, dem just der deutsche Zweier fehlte. Ich machte ihm klar dass mir
ein solcher ebenfalls seit kurzem fehlte und bot ihm als Ersatz eine 20 Cent
Münze an, die er aber nur sehr widerwillig annahm. Die hätte er schon doppelt,
meinte er.
Als ich aber dann beim ersten Stop auf der
Rückfahrt schon wieder einen Numismatiker ohne Zweier traf und kurz darauf von
ein jungen Mann gebeten wurde, eine Hand voll Euromünzgeld in Schillinge zu wechseln, wurde mir klar, dass wir auf unserer weiteren
Fahrt durch Kenias Südwesten noch eine ganze Menge Leute mit diesem
ungewöhnlichen Hobby kennen lernen würden.
Kreativität sollte belohnt werden und deshalb habe ich mir fest vorgenommen,
auf der nächsten Safari doch ein paar Zweier mehr einzustecken.