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Prolog
Über das Zustandekommen unserer ersten Keniareise
waren meine Frau und ich nicht der gleichen Meinung. Ich glaube, dass eine
schon immer vorhandene unbestimmte Sehnsucht und ein Gefühl von Heimweh nach
Afrika den Wunsch immer drängender werden ließen, die immer noch grenzenlos
erscheinende Weite, die Ursprünglichkeit und unvergleichliche Tierwelt Afrikas
wenigstens einmal im Leben selbst zu erleben und der vom mystischsten aller
Berge, dem Kilimanjaro ausgehenden Verlockung und dem Versprechen von Abenteuer
und Freiheit endlich nachzugeben.
Ganz offensichtlich teile ich diese geheime Sehnsucht mit sehr vielen Menschen
und auch in der Afrikaliteratur begegnet man immer wieder Autoren, die
versuchen, diese unbestimmten und schwer fassbaren Empfindungen zum Ausdruck zu
bringen wie beispielsweise Henning Mankell, der in seinem Afrikaroman „Die
flüsternden Seelen“ schreibt, dass man
eine Heimkehr an einen Ort erleben kann, an dem man nie zuvor gewesen ist.
Sehr treffend scheint mir auch die Erkenntnis des amerikanischen Safariguides Mark Ross: „Das Problem bei Reisen nach Afrika ist, dass man sich zurück zu Hause
immer wie in der Verbannung fühlt“ ("Afrika das letzte
Abenteuer").
Einige kluge Leute, unter anderem auch die Autorin Kuki
Gallmann in ihrm Buch „Ich
träumte von Afrika“, begründen diese in unserem tiefsten Inneren verborgene
Sehnsucht damit, dass Afrika die Urheimat aller Menschen ist. Wie sagt der
Dichter? Die Botschaft hör’ ich wohl... (im Zweifel immer Schiller, und wenn’s
der nicht ist, dann mit Sicherheit Goethe) - oder doch? Egal, die Vorstellung
ist zu schön!
Petra sah das ganze allerdings etwas
nüchterner und meinte, dass wir einfach nur unschlüssig waren, wo wir diesmal
Urlaub machen könnten, weil wir von Strandferienhausurlaub in Jütland erst mal
genug – und auf die Türkei oder ähnliche Urlaubsländer überhaupt keine Lust
hatten und sie daher einfach so ins Blaue vorgeschlagen habe, dass wir doch mal
nach Afrika reisen könnten.
Als systematisch vorgehender Mensch (was von Petra hin und wieder in Frage
gestellt wurde) habe ich erst einmal versucht, nach der bei
Entscheidungstabellen angewandten Methode herauszufinden, ob Afrika, genauer
gesagt Ostafrika wirklich das für uns optimale Reiseziel ist. Zuerst nahmen wir
für jedes in Frage kommende Reiseziel, wie z. B. Kanada, Indien, China usw.
eine kleine Schale. Dann stellten wir sowohl eine Liste mit den Bedingungen,
die ein Reiseziel erfüllen sollte, wie etwa tropisches Wetter, Palmenstrände,
unberührte Natur oder exotische Flora und Fauna als auch eine mit K.o.-Kriterien, z. B. Terrorismus, Übergriffe religiöser
Fanatiker oder auch Schickeria-Alarm
zusammen, die wir dann Land für Land durchgingen.
Wenn eine positive Bedingung zutraf, warfen wir eine weiße Perle in die Schale
des entsprechenden Landes. Bei K.o.-Kriterien nahmen wir schwarze. Nachdem alle Länder
abgearbeitet waren, zählten wir nach und fanden die mit Abstand meisten weißen
Perlen im Topf für Ostafrika - allerdings auch ziemlich viele schwarze.
Zu meinem diesbezüglicher Einwand meinte Petra
ich solle nicht immer so pingelig sein. „Wozu dann das Brimborium mit der
Entscheidungstabelle“ wagte ich schüchtern einzuwenden „wenn Du Dich sowieso
schon entschieden hast?“ „Erstens war das DEINE
Idee und zweitens hat es doch Spaß gemacht, oder?“ Womit sie zweifellos
recht hatte.
In der eingangs gemachten Aufzählung habe ich ganz bewusst den Begriff
„Gefahren“ weggelassen, obwohl er schön hineingepasst hätte. Sicherlich drohen
Afrikareisenden auch in unseren Tagen noch spezifische Gefahren, jedoch weniger
durch wilde Tiere und unzivilisierte Eingeborene und gefährliche
Tropenkrankheiten als durch Armutskriminalität und religiösen oder politischen
Fanatismus.
Heutzutage aber lauert überall
in der Welt, auf Flughäfen, Bahnhöfen, in Nah- und Fernverkehrsmitteln oder
Menschenansammlungen jeglicher Art, die Gefahr terroristischer Anschläge,
unvorhersehbar und ohne Abwehrmöglichkeit.
Den von der in kenianischen Großstädten und Touristenzentren zugegebener
Maßen weit verbreiteten Kriminalität ausgehenden Gefahren kann man als
Urlaubsreisender ohne großen Qualitätsverlust aus dem Weg gehen, wenn man
einige Regeln beachtet, die im übrigen auch durchaus in unseren Großstädten
angebracht sind. Ich möchte sogar so weit gehen, allen Ernstes zu behaupten,
dass eine Safari im offenen Jeep durch ein afrikanisches Naturreservat
ungefährlicher ist, als eine nächtliche Fahrt auf einigen Hamburger S- oder
U-Bahnstrecken oder ein Spaziergang durch die Nebenstraßen der Reeperbahn auf
St. Pauli.
Wie auch immer, für Leute mit eher provinziellem Urlaubs- und
Reiseverhalten, deren Abenteuerlust und Fernweh bisher in Reisezielen wie
Österreich oder Dänemark zum Ausdruck kam, ist eine Reise in den „dunklen
Kontinent“ (zwei Euro Klischeestrafe) mit Safaris, wilden Tieren, nomadischen
Hirtenvölkern und exotischen Küsten nicht unbedingt das Nächstliegende. So
stürzten wir uns auch keineswegs kopfüber in das Abenteuer, sondern hatten erst
eine ganze Menge Bedenken zu überwinden und Ängste abzubauen, bevor wir nach
gutem Zureden von Freunden, tagelangem Studium der einschlägigen Kataloge von Tui über Meyers bis Marco Polo und ausführlichen
Beratungsgesprächen mit unserem Reiseagenten letztlich unsere Unterschrift
unter den Reisevertrag setzten. Zugegebenermaßen ließen uns auch die
erheblichen Kosten einer solchen Reise eine ganze Weile zögern.
Das Klischee “dunkler Kontinent“ oder gar „schwarzer Kontinent“ scheint mir auf
den ersten Blick durchaus nicht eingängig. Ich kann mir aber vorstellen, dass
die europäische Forschungsreisenden und Abenteurer des 19. Jahrhunderts den
Kontinent unter dem Eindruck der ungezähmten Natur, gefährlicher Tiere,
unbekannter und lebensbedrohender Krankheiten und kriegerischer
Eingeborenenvölker mit fremdartigen, barbarischer Stammesbräuchen als „dunkel“
im Sinn von fremdartig und bedrohlich empfunden haben.
Nach inzwischen zehn Reisen nach Ostafrika, frage ich mich, ob ähnliche
Empfindungen auch in der heutigen Zeit von Luxusunterkünften, Autoschlangen in
jedem Naturreservat und Massaihirten mit
Automatikuhr, Handy und eigenem E-Mail-Account bei
Yahoo noch aufkommen können. Und erstaunlicherweise tun sie es, ganz sicher bei
weitem nicht mehr in dem Maß wie noch vor einigen Jahrzehnten, aber immer noch
genug um Afrika zu einem ganz besonderen und mit keinem anderen vergleichbaren
Reiseziel zu machen.