Mit geringen Abwandlungen ist der Ablauf in jedem
Jahr der Gleiche. Man kommt vom Urlaub zurück und ist zunächst ganz froh,
wieder zuhause zu sein, aber schon nach ein paar Tagen sinkt die Stimmung, denn
man hat sich wieder eingewöhnt und beginnt, Kenia zu vermissen. Ein ganzes Jahr
bis zu nächsten Urlaub und die Zeit will und will nicht vergehen, es ist
deprimierend! Aber irgendwann so im Frühjahr regt sich wieder ein
Hoffnungsflämmchen und man beginnt so langsam mit der Planung der nächsten
Urlaubsreise. Dann ist es irgendwie ganz unbemerkt Frühsommer und Sommer
geworden und plötzlich ist es Herbst und die Zeit fängt an zu rasen. Nur noch
ein paar Wochen und noch nichts ist vorbereitet. Oh Gottogott! Sind denn überhaupt die Pässe noch gültig und
wie sieht es mit den Kreditkarten aus? Wie viel Zeit ist noch für die
Impfungen? Wie soll man denn das alles noch schaffen?
Panik, Panik! Aber Gott sei Dank, die
Kreditkarten sind o.k., für die Impfung ist auch noch
Zeit genug. Aber wo zum Teufel sind denn jetzt die Pässe? Wie war das denn
noch? Wir kamen von Tansania zurück und packten aus. Da waren auch die Pässe.
„Also“ meinte Petra „die suchen wir jedes Jahr stundenlang, wenn wir sie
brauchen. Diesmal legen wir sie aber ganz ordentlich da hin, wo wir sie im
nächsten Jahr bestimmt wieder finden werden.“ So weit, so gut. Nur, wo war das
denn gewesen? Die Dinger sind wie vom Erdboden verschwunden. Wie kann man aber
auch so wichtige Unterlagen an einer so dämlichen Stelle deponieren, dass kein
Schwein sie wieder findet.
Was mach ich denn jetzt nur? Nach
tagelanger, nur von Erschöpfungszuständen und Weinkrämpfen unterbrochener Suche
gebe ich auf. Jetzt macht Petra sich auf die Suche und nach ungefähr fünf
Minuten kommt sie mit den Pässen in der Hand ins Zimmer. Ich muss nicht extra
erwähnen, dass sie genau da waren, wo sie hingehören und gültig sind sie auch
noch. Ich hatte sie auch bei meiner Suuche schon
fünfmal da liegen gesehen. Nur steckten sie noch in den schicken weißen
Plastikhüllen von Marco Polo und ich habe das ganze Haus nach etwas Weinrotem
abgesucht! „Sag jetzt bitte nichts!“ ist alles, was ich angesichts
dieses gewissen Blicks in ihren Augen herausbringe.
So, jetzt schnell die
Checkliste vom Vorjahr aktualisieren. Also ruft man das Excel Chart auf und
kommt ins Staunen. Wie?, Was? Das kann doch gar nicht sein, dass man diesen
ganzen Kram mit nach Afrika geschleppt hat! Das müssen ja Zentner gewesen sein!
Also, raus mit allem, was zuviel ist.
Das größte
Streichungspotential macht man in der Regel bei Unterwäsche, Socken und Shirts aus, weil die ja so schwer sind und unheimlich viel
Platz verbraten. Mehr als eine Unterhose pro Tag braucht man nun wirklich
nicht, oder doch? Bei den Nebenwirkungen, die Lariam hervorrufen kann, weiß man
ja nie... Bei anderen Sachen, wie beispielsweise Schuhen ist es
unproblematischer. Man braucht Schuhe für die verschiedensten Anlässe, das
leuchtet ja wohl jedem ein. Also müssen es wieder vier
Paar sein, Halt! Die Badelatschen habe ich nicht mitgezählt, die braucht man
wegen der schwarzen Seeigel im Riff unbedingt. Bei der Reiseliteratur gibt es
auch nichts zu kürzen. Für was hat man schließlich die drei Reiseführer
gekauft, ganz abgesehen von dem Bädeker, den uns Tui großzügigerweise geschenkt
hat (endlich mal was Vernünftiges anstatt des Schrotts den man sonst immer
bekommt). Auf das Kisuaheli-Wörterbuch kann – und auf sein literarisches
Betthupferl will man nicht verzichten und für die Tage am Strand braucht man
schließlich auch was zum Lesen. Die Straßenkarten vom Vorjahr müssen auch mit,
damit man auf Safari das Kommando übernehmen kann, falls der Fahrer mal die
Orientierung verliert.
Wir wollen auch das
Päckchen Postkarten nicht verschweigen, die wir vor drei Jahren in der Amboseli
Serena Lodge gekauft hatten und seitdem immer mit dem Vorsatz, sie diesmal
zweckentsprechend zu verwenden, mit uns rumschleppen. Petra meint, wir sollten
sie am besten schon zu Hause ausfüllen, mit den ebenfalls seit drei Jahren
mitgeführten kenianischen Briefmarken frankieren und gleich bei der Ankunft am
Airport in Mombasa einwerfen.
Apropos Urlaubskarten: Früher haben wir auch immer
die üblichen Karten mit „wunderschöner Strand, super Essen extra Klasse Zimmer
usw. abgeschickt und wunderten uns dann, warum wir von den Lieben zu Hause
immer so mürrisch und mit leicht gequältem Gesichtsausdruck begrüßt wurden. Im
letzten Jahr änderten wir unsere Strategie und verschickten nur Nachrichten wie
“Scheisswetter“, “Essen zum Kotzen“, “Zimmer eine
einzige Flohbude“, “Hotel eine Bauruine“. Und prompt wurden wir bei unserer Rückkehr mit überschwänglicher Freude und strahlenden
Gesichtern begrüßt.
Für gewöhnlich endet
die Streichungsaktion damit, dass die Liste am Ende noch ein gutes Stück
gewachsen ist. Da gibt man dann auf und sagt sich „Was soll das eigentlich? Für
was haben wir denn 30 Kilo pro Nase frei und das bisschen Schleppen bei der An-
und Abreise wird schon nicht so schlimm sein“ Also, rein in die Taschen, was
nur rein geht. Die 60 Kilo sollten ja eigentlich aus für uns ausreichen, oder
doch nicht??? Unser Freund Frank, der zufällig mal das Excel Chart auf meinem
Rechner gesehen hat, fragte erstaunt, ob wir denn jetzt ganz nach Kenia
übersiedeln wollen. Frank ist ja sonst ein ganz lieber Kerl, aber…
Für die Überwachung
des Fortschritts der Urlaubsvorbereitungen ist eine Checkliste schon sehr
praktisch, wenn sie erst einmal komplett ist und rechtzeitig an den jeweiligen
Bedarf angepasst wird. Macht man das nicht und die Liste hat noch den Stand vom
letzten Winterurlaub, kann es theoretisch schon mal passieren, dass man bei der
Vorbereitung des tropischen Badeurlaubs Zeit mit der Kontrolle und
Instandsetzung von Skibindungen verschwendet oder tagelang die Kleiderkammer
nach der Pudelmütze und den warmen Lammfellfäustlingen durchstöbert.
Durch die
kontinuierliche Abarbeitung der Liste zur Erledigung aller Punkte, von der
Beschaffung über die Instandsetzung (was nützt mir schon mein Lieblingshirt,
wenn es am Tag der Abreise ungewaschen in der Truhe liegt) bis letztlich zur
Verpackung, wird die Gefahr, einen wichtigen Termin zu verpennen oder
Ausrüstungsgegenstände zu vergessen, fast ganz ausgeschaltet.
In einem Punkt
allerdings scheitert jeder Planungsversuch sang- und klanglos. Ich meine die
Kategorie ’Kleidung Dame des Hauses’. Petra ist da keine Ausnahme. Ob sie nun
bei der Zusammenstellung der Liste mitwirkt oder ob ich das alleine
hinschreibe, spielt nicht die geringste Rolle und der Effekt ist der Gleiche.
Was und wie viel sie wovon und warum mitnimmt oder nicht, entscheidet sie etwa
eine halbe Stunde vor dem Einpacken und bringt es glatt fertig, alles noch
zweimal umzuschmeißen. Und wenn sie dann so ganz versonnen mitten im
schlimmsten Chaos sitzt und mich fragt: „soll ich jetzt das Rote oder das Grüne
mitnehmen?“ bekomme ich Hitzepickel.
Also, noch mal: Liste aktualisieren
und dann Punkt für Punkt abhaken, bis man alles beschafft, geprüft,
bereitgelegt und letztlich eingepackt hat. Beim Thema bereitlegen komme ich zu
dem Phänomen des geheimnisvollen Verschwindens und Wiederauftauchens von an
sich toten und unbeseelten Gegenständen: Zum Beispiel unser Kisuaheliwörterbuch
(um mich nicht selbst als Ostafrikagreenhorn zu entlarven, sollte ich mir
unbedingt angewöhnen, “Swahili-“ zu sagen) stand das ganze Jahr friedlich im
Bücherschrank, Abteilung Afrika und ist mir ab und an, wenn ich nach etwas
anderem suchte, in die Hände gefallen. Als ich es aber für die Tansaniareise
einpacken will, ist es spurlos verschwunden und ums Verrecken nicht aufzufinden
– und damit aussichtsreicher Kandidat für die Wahl zum missing
item of the year 2005.
Zum Glück haben wir schon lange eine
sichere und verblüffend einfache Methode zur Wiederbeschaffung eines verlegten
Gegenstands: Wir gehen einfach hin und kaufen das gleiche Teil noch mal. Mit
absoluter Sicherheit ist es dann das Erste, was einem zu Hause im Weg liegt,
wenn man vom Einkauf zurückkommt. Das ist übrigens einer der Gründe, warum bei
uns die meisten Ausrüstungsgegenstände in doppelter Ausfertigung zu finden
sind, wenn sie denn zu finden sind!
Eine kostengünstigere Methode, die
allerdings etwas Zeit erfordert, ist die, einfach zu warten, bis man das Teil
nicht mehr braucht. Wenn man dann mal nach etwas anderem sucht, ist es so
ziemlich das Erste, was einem in die Hände fällt und diesmal deponiert man es
an einem Ort, wo man es mit absoluter Sicherheit im nächsten Jahr sofort wieder
findet.
Meine, wovon ich immer
noch überzeugt bin, brillante Idee, nach dem Urlaub gar nicht erst auszupacken
rief bei Petra nichts anderes als ein paar gemurmelte Unfreundlichkeiten hervor
und so setzte sich dann, wie immer, Ihr Vorschlag durch, der sich dann
zumindest als Teilerfolg erwies. Wir vermerkten schon beim Auspacken der
Urlaubskoffer in einer Liste, wo wir die einzelnen Sachen verstauten. Als wir uns im nächsten Jahr ans Packen
machten, haben wir zwar die Liste nicht wieder gefunden, aber auf der Suche
danach, alle Ausrüstungsgegenstände, die darauf verzeichnet waren. Zwei Monate
später beim Zusammensuchen der Unterlagen für die Steuererklärung war dann auch
die Liste wieder da.
In diesem Jahr ging es allerdings
ziemlich glatt und außer den Reisepässen haben wir auf Anhieb alles, was auf
der Checkliste stand, sofort finden können, sogar den immens wichtigen
„Weltadapter“ der, weil er so
wichtig ist, auch immer an einem Ort deponiert wird, wo man ihn im nächsten
Jahr garantiert wieder findet und der daher immer stundenlang gesucht werden
muss. Alles ist da und in bestem Zustand bis auf Petras Nerven, die Zustände
bekommt, weil ich schon drei Wochen vor Abflug zweimal täglich meine Checkliste
durcharbeite und sie damit konfrontiere, dass wir noch Sonnenöl, Odol und Penatenseife einkaufen müssen.
Ein echtes Problem, das uns in jedem
Jahr wieder einiges Kopfzerbrechen bereitet, besteht darin, den ganzen Kram in die zwei
Reisetaschen hinein zu bekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass auf Safari pro
Person lediglich 15 Kilo erlaubt sind. Illusorisch zu glauben, dass das
realisierbar ist! Ich habe jetzt auf meiner Checkliste eine Spalte hinzugefügt
und bei jedem Teil vermerkt, ob es auf der Safari oder nur am Strand benötigt
wird. Dabei hat sich bestätigt, was ich ohnehin schon gewusst habe: Es gibt
außer den Abendklamotten kaum etwas, das wir nicht auch auf der Safari
benötigen, wenn wir da nicht wie die Dreckspatzen herumlaufen wollen. Aber
bisher hat noch keiner das Safarigepäck nachgewogen und außer den etwas genervten Blicken des Fahrers beim Hochhieven und
Verstauen unseres Gepäcks haben wir noch keine Reaktionen festgestellt.
Allerdings haben unsere Taschen bei den Gepäckhelfern in einigen kenianischen
Unterkünften unter dem Namen „Armstretcher“ schon
eine gewisse Berühmtheit erlangt. Bei unserer Abreise aus der Lion Hill Lodge
hat sich sogar einer der Jungens, denen
sonst für ein kleines Trinkgeld kein Koffer zu schwer ist, bei unserem
Erscheinen seitlich in die Büsche verdrückt.
Dann ist endlich der
Tag der Abreise gekommen, alles ist sicher verstaut, die Nerven sind ruiniert
und der kleine Rest unseres Hausstands, den wir nicht mitnehmen, liegt wüst über das ganze Haus verstreut. Mit dem
verzweifelten Versuch, unsere Abreise doch noch zu verhindern, sitzt unser
Kater Teddy schon seit dem frühen Morgen auf einer der Reisetaschen und ist mit
nichts zu einem Platzwechsel zu bewegen und ich bin schon gespannt, welchen
Rückenwirbel ich mir diesmal ausrenken werde, wenn ich die Taschen in den
Kofferraum unserer Taxe hieven muss.