Der
Geisterbus
An diesem Morgen war
alles nicht so wie sonst. Durch die Zeltklappe drang fahlgelbes
Licht herein und es herrschte eine für diese frühe Stunde völlig
ungewöhnliche drückende Gewitterschwüle. Anstatt des morgendlichen Konzerts der
Webervögel in den Akazien lastete lähmende Stille auf dem Camp und die Luft war
von einem Nebel aus gelblichem Staub erfüllt, obwohl es völlig windstill und kein Wölkchen am Himmel zu
sehen war. In dem fahlen Licht wirkte das Kibo Camp, das ohnehin den Charme
eines amerikanischen Bootcamps ausstrahlt, mit den struppigen, immer irgendwie
verkommen aussehenden Makutidächern, die wie Inseln in einem Moor aus dem Dunst
herausragten, noch trostloser als sonst. Auf dem Weg zum Frühstück klang das
Geräusch unserer Schritte auf dem Kiesweg gedämpft wie durch Watte und trotz
der drückenden Schwüle liefen mir Schauer über den Rücken.
Im Frühstückszelt
standen die Kellner flüsternd in einer Gruppe zusammen und warfen immer wieder
scheue Blicke durch den Zelteingang nach draußen, als würde gleich der
leibhaftige Gottseibeiuns in der Tür erscheinen. Wir fragten unseren
Tischstewart, ob etwas Besonderes los sei und wo dieser merkwürdige gelbe Nebel
herkomme. „Nein, nein, alles o. K., es ist nur etwas
Staub in der Luft, weil es seit Monaten nicht geregnet hat und es die ganze
Nacht über sehr windig war“ beeilte er sich zu sagen, und blickte dabei verstohlen
über die Schulter nach draußen. Er hatte für Wind das Swahiliwort Upepo benutzt, oder war es doch, wie ich
erst zu hören glaubte, das Wort Pepo, das nämlich so viel wie Geist bedeutet? „Merkwürdig, oder?“ sagte ich zu
Petra „Da ist was ist im Busch. Vor irgendwas haben die mächtig Schiss, wollen
aber, nicht damit rausrücken, wovor!“
Als wir nach dem
Frühstück unseren Fahrer, den Stadtmassai Sammy auf dem Parkplatz trafen,
bemerkten wir sofort, dass auch er ganz entgegen seiner sonstigen Art ziemlich einsilbig war, einen bedrückten und
ängstlichen Eindruck machte und sich ständig umblickte als hielte er nach etwas
Ausschau. Offensichtlich hatte er nicht so richtig Lust, los zu fahren, denn
wir saßen schon längst abfahrbereit auf unseren Sitzen, als er immer noch ums
Auto herumtrödelte. Er rüttelte hier, wischte und da inspizierte dort und erst
nach erst nach Petras aufmunterndem “Na Sammy, dann wollen wir mal so langsam,
oder?“ bequemte er sich mit einem tiefen, resignierenden Seufzer ins Auto zu
klettern und den Motor zu starten.
Unseren guten Sammy
hatte man uns als einheimischen Guide angedreht, weil er wohl in der Gegend um
den Amboseli zur Welt gekommen war, aber schon von Jugend an in Mombasa lebte
und seine Heimat in den letzten fünf Jahren gerade zwei- oder dreimal besucht
hatte, wie er uns freimütig berichtete. Seine von daher stark eingeschränkten Ortskenntnisse wurden aber deutlich von seinen eklatanten
Mängeln in der Kenntnis der örtlichen Fauna übertroffen. Beides also Eigenschaften, die seiner Eignung
zum Safariguide nicht unbedingt zuträglich sind. Allerdings ist er ein sehr
niedliches Kerlchen und mangelndes Engagement konnte man ihm auch nicht
vorwerfen, im Gegenteil: Er legte sich
allzeit mächtig ins Zeug – wenn auch
meistens mit wenig greifbaren Ergebnissen. Ach ja, und Auto fahren konnte er
auch so einigermaßen.
Mit unserem Auto war
es auch so eine Sache. Dass es seine besten Jahre schon länger hinter sich
hatte, störte uns weniger als die Tatsache, dass der Motor statistisch gesehen
bei einem von drei Starversuchen nicht ansprang und Sammy ihn erst nach ewigem
Gefummel wieder zum Laufen brachte. Einerseits hatten wir nicht die geringste
Lust, aus Vorsicht nur noch mit laufendem Motor zu halten, wenn wir ein Tier
beobachten oder fotografieren wollten. Andererseits aber war die Aussicht nicht
eben prickelnd, dass einer der Fehlversuche
gerade dann stattfinden würde, wenn ein Elefant oder Büffel einmal
seine, zahlenden Safarigästen gegenüber angebrachte Zurückhaltung vergessen und
unser Fahrzeug einmal etwas näher in Augenschein nehmen würde.
Der Staubnebel hatte
sich jetzt zwar etwas gelichtet, aber war noch immer dicht genug und es
herrschte völlige Windstille. Schon bald, als wir die Campzufahrt hinter uns
gelassen hatten, fiel uns das absonderliche Verhalten der um uns herum in
kleinen Gruppen grasenden Thompsongazellen und Impalas auf. Die Tiere
unterbrachen ständig ihre Futtersuche und rannten ziellos durcheinander oder
eine ganze Gruppe erstarrte mit hoch erhobenen Köpfen um dann wie auf Kommando
in alle Richtungen auseinander zu stieben, obwohl weit und breit keine
sichtbare Bedrohung auszumachen war. Ein ähnliches Verhalten soll auch häufig
unmittelbar vor größeren Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen
oder Zunamis
zu beobachten sein.
Als wir dann auf die
Grasebene hinaus kamen, bemerkten wir dieses schreckhafte Verhalten auch bei
den Gnus und Zebras. Als wenig später eine Elefantenherde vor uns die Piste
kreuzte, gingen die Tiere nicht wie sonst ruhig und gelassen ihres Weges
sondern machten einen unruhigen und gereizten Eindruck. Ständig verhielten sie
den Schritt, flappten heftig mit den Ohren und nahmen mit hochgereckten Rüsseln
Witterung auf.
Auf meine
diesbezügliche Frage antwortete Sammy ziemlich lahm und mit wenig Überzeugung
„Die Impalas sind so heute übermütig, weil sie
merken, dass sich das Wetter ändert und es vielleicht bald regnen wird.“. Man muss wissen, dass bei Sammy alles was
kleiner war als Gnu zum Sammelbegriff Impala zusammengefasst wurde, wohingegen
alles Größere, egal ob Kudu oder Elenantilope als Oryx verbucht wurde. Für den Safarigast, der mit Sammy auf Tour
geht, hat das den unbestreitbaren Vorteil, dass er sich nicht so viele
komplizierte Name zu merken braucht. Als ich ihn einmal fragte, ob es hier auch Gnumpalas, Kreuzungen zwischen Impala und Gnu gäbe, dachte er einen
Augenblick nach und meinte dann ganz ernsthaft, dass er die hier noch nicht
gesehen hätte.
Inzwischen hatte sich
der Staub weiter gelegt und die Luft war
klarer geworden. Umso mehr fiel uns die dichte Staubwolke auf, die sich auf der
Piste entlang bewegte und relativ schnell auf uns zukam. Kaum waren wir in den
Staub eingetaucht, als die Zeit still zu stehen schien und ich das Gefühl
hatte, in eine andere Dimension hinüber zu wechseln. Wie schon am frühen Morgen
wurde jedes Geräusch durch eine lähmende Stille erstickt und der Motor unserer
ansonsten nicht sehr leisen Knatterkiste war nur noch gedämpft zu hören bevor
er ganz den Geist aufgab.
Und dann geschah es:
Aus dem fahlgelben Nebel tauchte lautlos ein Schatten auf, der erst schemenhaft
und undeutlich, dann mit schärfer werdenden Konturen, so als ob sich der
wirbelnde Staub zu einer festen Masse materialisierte, die Form eines Fahrzeugs
annahm, das aussah als würde es schon seit hundert Jahren durch den Amboseli
geistern und mich sofort an die Sage vom fliegenden Holländer erinnerte. Als
wir auf gleicher Höhe waren, konnten wir ins Innere blicken, und was wir da
sahen, ließ mir fast das Blut erstarren: Am Steuer saß ein Afrikaner, grau im
Gesicht, den starren Blick wie in Trance ins Leere gerichtet und die Hände ums
Steuer verkrampft. Hinter ihm saßen oder standen reglos vier graue, völlig
vermummte, gesichtslose Gestalten mit tuchverhüllten Köpfen ohne Mund- und
Nasenöffnung mit riesigen schwarzen Gläsern anstelle der Augen und darüber
breitkrempige, mit Gazestoff festgebundene
hutähnliche Gebilde. Die Wesen zeigten
uns keinerlei Beachtung bis auf eines, das langsam den Kopf in unsere
Richtung drehte, uns durch seine riesigen schwarzen Gläser anstarrte, eine
behandschuhte Hand hob und uns zuwinkte wobei eine bis ins Mark spürbare
Grabeskälte von ihm ausging. Dann waren sie auch schon vorbei und das Fahrzeug
oder was immer es war, verschmolz wieder mit der sich von uns entfernenden
Staubwolke.
Es dauerte einen
Moment, bis meine Stimme wieder fest genug war um Sammy zu fragen, was zum
Teufel sich hier gerade abgespielt hätte. Sammy, der nach mehreren Versuchen
den im dichten Nebel abgestorbenen Motor
wieder in Gang bekommen hatte und mit zittrigen Fingern am Schalthebel
herumfummelte, druckste herum und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.
Schließlich meinte er mit wenig Überzeugungskraft, das sei eine japanische
Reisegruppe aus der Amboseli Serena Lodge gewesen. Selbstverständlich nahm ich
ihm diesen lahmen Erklärungsversuch
nicht ab, merkte aber an seinem Gesichtsausdruck, dass ich mir weitere Fragen
sparen konnte. Wenn ein Afrikaner erst mal auf stur geschaltet hat, ist auch
mit Gewalt nichts mehr aus ihm heraus zu bekommen.
Nach unserer Rückkehr
ins Camp gingen wir sofort zum Officezelt und ich berichtete dem Manager unser
Erlebnis. Der hörte mir höflich zu, begann aber dann (nach meinem Gefühl eine
Spur zu laut und zu schrill) zu lachen und meinte, dass wir der koreanischen
Safarigesellschaft begegnet seien, die gestern in der Ol
Tukai Lodge abgestiegen sei. Ihre merkwürdige
Vermummung würde in der Tat ziemlich lächerlich aussehen. Aber daran hätte man
sich hier schon gewöhnt, weil viele ostasiatische Besucher so vermummt herumfahren
würden, um sich gegen Staub, Bakterien, Stechmücken und die sonstigen
tausenderlei Unbilden der afrikanischen Wildnis zu schützen.
„Die könnten sich ja
wenigstens mal absprechen“ sagte ich zu Petra auf dem Weg zu unserem Zelt. „Bei
dem Einem sind es Japaner und wohnen in der Amboseli Serena Lodge, beim Anderen
Koreaner und wohnen im Ol Tukai. Dass da was oberfaul ist, merkt doch ein
Blinder mit Krückstock. Die wollen was verschleiern, weil sie Angst haben, dass
sich das negativ auf die Besucherzahlen auswirkt, wenn die Wahrheit ans Licht
kommt. Aber MIR können sie nichts vormachen!“
„Also, nu hör aber mal
auf, was für’n Quatsch Du wieder
redest! Wieso soll hier der Tourismus
zusammenbrechen, nur weil ein paar Asiaten in lächerlicher Aufmachung im Amboseli
herumkutschieren“ sage Petra darauf. Dann blieb sie aber abrupt stehen, hielt
mich am Arm fest und starrte mich mit entgeisterter Miene an: „Sach jetzt ma, Du glaubst doch
nicht wirklich, dass da vorhin…? Nee,
ne?“ „Natürlich NICHT, für was hältst Du
mich denn? Seit wann glaub ICH an Geister!“ Insgeheim aber dachte ich: „Redet
Ihr nur, ich weiß, was ich weiß!“