Der Trolli

 

Oder heißt es das Trolli? Egal, ich meine das merkwürdige Utensil, das wie eine Kreuzung aus Reisekoffer und Einkaufswagen aussieht, die von der Lufthansa vorgeschriebenen Masse für Handgepäck hat und trotzdem in kein Gepäckfach dieser Welt hineinpasst. Aber bevor ich zur Sache komme, sollte ich vielleicht vorweg schicken, dass ich die Meinung meiner Frau Petra bezüglich einer gewissen Schusseligkeit meine Person betreffend, keineswegs teile, obwohl einige Vorfälle während unserer Keniareise im Oktober 2003 vielleicht geeignet sein könnten, solche Eindrücke aufkommen zu lassen. Doch der geneigte Leser möge selbst urteilen...

 

Die erste Etappe unserer Reise führte uns per ICE von Hamburg nach Frankfurt, wo wir vor dem Abflug nach Mombasa noch einen Tag bei unseren Verwandten verbringen wollten. Nach etwa vier Stunden entspannter Fahrt lief der Zug im Frankfurter Hauptbahnhof ein und wir standen vor dem Problem, unsere nicht unbeträchtliche Anzahl von Gebäckstücken nach draußen zu bringen. Ganz Gentleman der alten Schule meinte ich: “Lass mal, nimm Du nur Deine Handtasche und den Fotokram, den Rest schaff ICH raus!“ und schleifte unsere zwei je 30 Kilo schwere Reisetaschen (wir hatten ja wie immer nur das Nötigste eingepackt) durch den engen Mittelgang des Waggons und auf den Bahnsteig hinaus.

 

Aaahhh... die frische Luft! Zwar ist Frankfurt nicht unbedingt für gute Luft berühmt, schon gar nicht auf dem Hauptbahnhof. Aber immerhin nach den vier Stunden Raucherabteil im ICE ist auch die Frankfurter Bahnhofsluft unbestreitbar eine Wohltat. Auf jeden Fall musste da umgehend etwas dagegen unternommen werden. Also erst mal hin zum Raucherpranger und ein Zigarettchen anzünden. Immerhin haben wir ja schon seit mindestens 20 Minuten nichts mehr geraucht und ein Rauchverbot ruft bei einen eingefleischten Raucher nichts anderes als den unwiderstehlichen Zwang hervor, sich sofort eine anzuzünden! Das Schwindelgefühl vom ersten tiefen Zug an meiner Stuyvesant war noch nicht abgeebbt, als ich plötzlich eine Veränderung in Petras Physiognomie feststellte. Die sonst so gesunde Farbe ihres Teints wich einer fahlen Blässe, um dann in ein tiefes Portweinrot umzuschlagen. „Der Trolli“ ächzte sie. „Wo hast du den Trolli hingestellt? Der ist doch nicht etwa noch im Zug, oder?“ Auf diese direkte Frage antwortete ich das, was ich in solchen Fällen immer sage: „Öhh, ähh hmmm“. „Mach hier nicht den Steuber, wo ist das Ding?“ „öhh, ähh, oje, ich glaub’ der ist noch im Zug…“  Zu diesem Schluss war ich nach kurzem aber umso intensiverem Nachdenken gekommen, genau da musste er sein, denn auf dem Bahnsteig war er auf jeden Fall nicht!

 

Irgendjemand von uns beiden musste ihn in der Hektik des Aussteigens dort vergessen haben. Also ließ Petra ihre Zigarette fallen, sprintete los, enterte den schon abfahrbereiten Zug und von draußen sah ich sie durch den Waggon hasten. Gleich drauf stand sie ohne Atem aber dafür mit Trolli wieder auf dem Bahnsteig. Ich hatte den Eindruck, dass sie jetzt ein Statement von mir erwartete und meinte daher „Puhhh, das hat ja noch mal gut gegangen!“ was wohl nicht unbedingt das gewesen sein dürfte, was sie hören wollte.

Das wäre der richtige Start in den Urlaub gewesen: Wir hier in Frankfurt auf dem Sprung nach Mombasa und der Trolli mit unseren wichtigsten Sachen, die wir extra zur Sicherheit als Handgepäck mitnehmen wollten, damit sie nicht verloren gehen, in München oder gefleddert irgendwo am Gleisrand! Am meisten jedoch traf es mich, dass es mir wohl kaum gelungen wäre, mich aus der Verantwortung für dieses Desaster heraus zu mogeln. Wie auch immer, der Schock saß tief und weil der Mensch nun mal aus Erfahrung lernt, nahm ich mir fest vor, auf der weiteren Reise wie ein Schiesshund aufzupassen und unsere Klamotten keine Sekunde mehr aus den Augen zu lassen.

Bei unserer Ankunft in Mombasa war unsere Stimmung immer noch leicht gereizt, weil ich kurz vor der Landung beim Frühstück Petras neues blaues Blue Devils-Lieblingssweatjacket mit einem halben Glas O-Saft begossen hatte, als ich mich voll Begeisterung dem Fenster zudrehte, wo eben der Kilimanjaro in Sicht gekommen war. Die Reinigung des Teils in der Amboseli Serena Lodge zwei Tage später war so gründlich dass die Stelle, wo vorher der Saftfleck war, jetzt in reinweiß erstrahlte, was Petra auch wieder nicht recht war.

Die wie immer extrem nervige Abwicklung der Einreiseformalitäten war auch nicht unbedingt geeignet, unsere Laune entscheidend zu verbessern, weil die Visumdame  uns mit dem für sehr viele kenianische Beamte üblichen Charme mitteilte, dass sie nicht geneigt sei, unsere nagelneuen Zwanzigdollarnoten als gültiges Zahlungsmittel zu akzeptieren. Mein Einwand, dass es sich um die neu ausgegebenen offiziellen Geldscheine der vereinigten Staaten von Amerika handele, machte auch nicht den gewünschten Eindruck, denn sie würdigte mich weder einer Antwort noch eines weiteren Blickes, sondern richtete ihr Augenmerk vielmehr auf den nächsten Einreisewilligen in der Reihe hinter mir. Also „grrr“ und „knirsch“, Trolli geschnappt ((jaha, den ließ ich keine Sekunde mehr aus den Augen) und hin zum Schalter von Barclay’s, wo man zum Glück die Meinung der Visumdame bezüglich der Gültigkeit unserer Devisen nicht teilte. Also mit gebrauchten Zwanzigern wieder zurück und natürlich noch mal ganz hinten in die immer noch nicht kürzer gewordene  Warteschlange einreihen.

 

Ich denke, dass das dies jetzt der richtige Moment ist, kurz ein paar Worte über meine Erfahrungen mit kenianischen Grenz- oder Polizeibeamten fallen zu lassen: Diese Berufszweige sind zwar in keinem Land der Welt ausschließlich von Sympathieträgern besetzt, jedoch in Kenia fällt der Gegensatz zwischen Amtsträgern und gewöhnlichen Zivilisten um so mehr auf, als letztere trotz der verbreiteten Armut und ihres oft nicht leichten Lebens stets fröhlich und gut gelaunt und erstere oft über das international übliche Maß hinaus mürrisch und unfreundlich sind. Interessanterweise sehen sie alle etwa so aus, wie man sich gemeinhin Nachfahren von Idi Amin Dada aus dem Nachbarland vorstellt: Riesengroß, vierschrötig bis korpulent mit einen permanent gereizten, völlig humorlosen Gesichtsausdruck, über dem Bauch spannenden Hemden und einem Schweißfilm auf der Stirn, wobei sich weibliche Berufsvertreter von ihren männlichen Kollegen lediglich durch die eminente Ausprägung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale unterscheiden. Ein weiteres, allen gemeinsames Merkmal ist die Art der verbalen Kommunikation mit ihren Kunden: Sie blicken einem nie direkt in die Augen sondern immer am linken oder rechten Ohr vorbei und ihre Lautäußerungen beschränken sich auf wenige Knurrlaute, die, egal in welcher Sprache sie geäußert werden (oft genug in Kisuaheli, wobei offensichtlich vorausgesetzt wird, dass jeder diese Weltsprache beherrscht) kaum zu verstehen sind.

Zurück zu den Ereignissen: Nachdem wir dann endlich unseren Stempel im Pass, die Bedenken des Zollbeamten bezüglich einiger Geschenkartikel mit einem Fünfeuroschein zerstreut, das Gepäck (VOLLZÄHLIG!) auf dem Karren, die gut zwanzig Hilfswilligen, die gerne schon mal den Gepäckwagen für nur fünf Euro die immerhin doch zwanzig Meter bis zur Bushaltestelle schieben wollen, erfolgreich abgewehrt hatten, erreichten wir endlich den rettenden Tui-Stand (Jawohl, ich gestehe! Auch wenn  ich jetzt die Verachtung aller Individualisten und Rucksackreisenden auf mich ziehe: Wir haben eine Pauschalreise gebucht. Iiih!). Die Tui-Agentin versorgte uns mit unseren Tickets nebst Instruktionen für den Weiterflug nach Nairobi und machte uns mit unserem einzigen Mitreisenden, einen jüngeren, etwas schüchternen Mann aus dem Schwabenländle bekannt.

Beschwingt und wieder gut gelaunt, weil wir die ganze Einreisehektik hinter uns hatten und weil wir ganz offensichtlich mit Michael, unserem Reisegenossen für die nächsten sieben Tage einen Glücksgriff gemacht hatten, begaben wir uns in die Abflughalle und checkten unser Gepäck ein. Nachdem eine Zwillingsschwester der Visumdame uns misstrauisch beäugt, unsere Pässe und Flugtickets gründlichst und unter peinlicher Einhaltung aller für diesen amtlichen Akt geltenden Vorschriften kontrolliert und uns dann mit einem Kopfruck weitergescheucht hatte, kauften wir uns was zu trinken, ließen uns entspannt nieder und verbrachten die Zeit bis zum Aufruf unseres Flugs mit angeregtem Geplauder.

Als es dann so weit war, stürzten wir nicht gleich los, sondern warteten die für routinierte Flugreisende üblichen zwei Minuten, bevor Petra ihre Reisetasche schulterte und ich schnappte mir Fototasche und...  Nein! nicht schon wieder!  Doch, er war WEG! Der Trolli war schon wieder weg! Von unserem Tisch weg konnte ihn keiner geklaut haben, da niemand in unsere Nähe gekommen war. Also, schloss ich messerscharf, musste er bei der Gepäckkontrolle im Erdgeschoss  stehen geblieben sein. Ja ich war jetzt sicher und sah sogar die Stelle, wo ich ihn abgestellt und stehen gelassen hatte, ganz deutlich vor meinem geistigen Auge.

Wenn der mal nicht geklaut worden ist! Die Videokamera und alles! Oh Gottogott!  Ich rannte los, zurück durch die Passkontrolle und so schnell, wie ich an der Zwillingsschwester vorbei war, konnte sie gar nicht protestieren und musste sich darauf beschränken, mir irgend etwas Unverständliches hinterher zu blaffen. Ich hastete die Treppe hinunter und als ich völlig außer Atem unten ankam, war weit und breit kein Trolli zu sehen!  So jetzt hast Du’s! Jetzt isses passiert!   Weg! Geklaut! Ich hab’s geahnt! Warum muss so was immer mir passieren? Ich hab doch keiner Sau was getan!

Der junge Mann, der unser Gepäck kontrolliert hatte und der mit Sicherheit nicht mit den Zwillingsschwestern verwandt war, weil er erstens ein gesittetes Benehmen an  den Tag legte, sich zweitens einer kultivierten Sprache befleißigte und drittens nicht wie eine gereizte Bulldogge aussah, blickte etwas befremdet auf, als ich mich mit wirrem Blick umsah und von meinem Sturmlauf noch kurzatmig fragte, ob er meinen Trolli gesehen hätte, so einen großen blauen. Ja, das hätte er.  „Ja, und wo jetzt?“ „Wahrscheinlich schon in der Aircraft (das ganze ging ja in Englisch vor sich)  nach Nairobi. Sie haben ihn doch vorhin selbst zusammen mit ihren zwei Reisetaschen da drüben am Schalter von Kenya Air eingecheckt.“ „Ach ja, stimmt ja, hätte ich fast vergessen. Na ja, dann vielen Dank auch und Kwaheri “.

Erleichtert, aber wegen jetzt doch leise aufkommender Selbstzweifel mit hängenden Ohren, erklomm ich die Treppe und schlich an der immer noch ziemlich finster dreinblickenden Zwillingsschwester vorbei. Nach meiner Schilderung des Sachverhalts vermied Petra mit dem ihr eigenen Feingefühl zwar jeglichen Kommentar, konnte sich aber ein mitleidiges Lächeln - oder war es doch ein höhnisches Grinsen? -  nicht verkneifen. Unser neuer Freund Michael aber,  hatte jetzt schon so die erste Ahnung, was für Reisebegleiter er sich da eingehandelt hatte.