Die Akkus Teil 2


Wenn Du, geneigter Leser, den ersten Teil dieser Episode gelesen hast, wirst Du Dich vielleicht noch erinnern, dass mich bereits vor unserem Urlaub Visionen von tumultartigen Szenen und wilden Kämpfen um die wenigen Stromquellen im Little Governors Camp heimsuchten und wir deshalb klugerweise unseren Bestand an Akkus für Petras Nikkon aufgestockt hatten, was eine sehr weise Entscheidung war, denn schon gleich am ersten Tag unseres Aufenthalts im Camp sah ich meine Befürchtungen in dieser Hinsicht voll bestätigt. Die einzige für Campgäste nutzbare Stromquelle besteht aus drei Steckdosen, die sich in einem Raum neben dem Office, dem einzigen festen Gebäude des Camps befinden und von morgens bis abends umlagert sind. Für Nichtangelsachsen wird das Problem noch dadurch verschärft, dass nur ein einziger Adapter vorhanden ist, der aber für Normaleuropäer und Amerikaner erforderlich ist, weil das Format kenianischer Steckdosen dem englischen Standard entspricht.

 

Ich will ja nicht über andere Nationen herziehen aber die Briten sind der festen Überzeugung, dass sie mit der Einführung des dezimalen Währungssystems schon mehr als genug für die Angleichung an den Rest der Welt geleistet haben und zu weiteren Zugeständnissen nur dann bereit sind, wenn wir anderen mit unseren Autos künftig die „richtige“ Straßenseite benutzen.

 

Für uns war das kein Matata, denn als erfahrene Reisende hatten wir natürlich unseren zwar etwas wackeligen, aber dafür überteuerten „Welt-Adapter“ von Globetrotter dabei. Apropos Welt-Adapter: Mit diesem Mistding habe ich mich vor zwei Jahren in der Ngorongoro Serena Lodge ordentlich blamiert: Da wir am Lake Manjara und auf der Fahrt zum Krater sehr viel fotografiert hatten, musste ich unbedingt vor der ersten Ausfahrt unsere Akkus aufladen.  Also Akku in Ladegerät, Ladegerät in Adapter und Adapter in Steckdose. O.k., aber wo bleibt das Lämpchen? Nix! Kein Lämpchen. Noch mal alle Stecker raus und wieder rein – wieder nix! Eine andere Steckdose versuchen – immer noch nix! „Das kann doch wohl nicht war sein! Viersternehotel schimpft sich diese Bude und dann geht noch nicht mal eine einzige Steckdose!“

 

Ein Hotel kann 100 Zimmer haben, 99 davon sind perfekt, nur eines nicht und das ist unseres! Im Supermarkt suchen wir uns die kürzeste Warteschlange aus und was passiert? Genau! Der Bonstreifen ist alle und muss ausgetauscht werden. Wenn es der Bonstreifen nicht ist, fehlt ein Preis und es dauert ewig bis es weiter geht. Passiert auch das nicht, hat die Oma vor uns den Ehrgeiz, Ihre Sechzehnsechsundneunzig auf den Cent genau auf den Tresen zu zählen und kramt Viertelstundenlang in Ihrem Geldbeutel herum. Oder das oft geleugnete Phänomen der grünen Welle in Hamburg. Wir glauben – nein, wir WISSEN, dass es sie gibt weil wir nämlich an jeder Ampel rot haben und daher muss im Umkehrschluss ein anderer Fahrer 30 Sekunden vorher an jeder Ampel grün gehabt haben.

 

Aber weiter mit dem Adapter: Ich rufe also den Hausservice an. Und eine wie immer extrem gelangweilte und wie immer irgendwie aus dem Tiefschlaf  gerissen klingende weibliche Stimme nuschelt etwas wie immer völlig unverständliches und ich trage mein Anliegen vor. Noch nicht mal fünf Minuten später klopft es und vor der Tür steht eine junge Afrikanerin im Blaumann mit Phasenprüfer in der Brusttasche, zwei bis drei dekorativ verteilte Ölflecken und aus der hinteren Tasche heraushängendem Taschentuchzipfel – das ultimative Bild des tüchtigen und beschäftigten Handwerkers, kurz gesagt der weibliche Red Adair der Hausinstallationen. Sie hört sich meine Problemschilderung an, stochert mit ihrem Phasenprüfer ein wenig hier und rüttelt ein wenig da. “Also die Dosen haben alle Saft.“  Wörtlich übersetzt würde das  „The cans have all juice“ heißen. Nee, natürlich nicht, wäre aber lustig. „Daran kann es nicht liegen. Was funktioniert denn nicht?“ „Na hier, der Adapter! Wenn ich den reinstecke, bekomme ich keinen Strom und gestern hat der jedenfalls noch funktioniert!“ Sie nimmt das Ding in die Hand, dreht ein wenig, rüttelt ein wenig, steckt es in die Dose und… Geht!  (Was schreib ich denn da eigentlich, um Gottes Willen?) „Er war nur etwas verstellt und wohl nicht richtig in einer Stellung eingerastet“ sagt sie freundlich und versteht es, jeden Unterton zu vermeiden. Da ein passendes Mauseloch nicht in der Nähe war,  fiel das Trinkgeld halt ein wenig höher als normal aus.

 

Zurück zum Little Governors: Die amerikanischen Gäste haben ganz schön geschaut als ihr High Tech-Equipment wegen so etwas trivialem wie leeren Batterien auf einmal nicht mehr zu gebrauchen war, weil ein Ami sich nun mal nicht vorstellen kann, dass es in dieser Welt auch andere Standards gibt als die amerikanischen.

 

Nachdem wir ja dank meiner seherischen Fähigkeiten bezüglich der Akkus für unsere Fotokameras bestens ausgerüstet waren, standen wir dem Stromversorgungsengpass relativ gelassen gegenüber – allerdings leider nur für einen Tag, denn schon am Morgen des zweiten Tages musste ich feststellen, dass zwei von drei Akkus für unsere Videokamera  gar nicht  – und der dritte nur halb aufgeladen war. „Versteh ich überhaupt nicht! Ich hab doch die blöden Dinger alle überprüft. Da könnte man ja fast an Hexerei glauben!“ „Ich glaub etwas ganz anderes!“ meinte Petra und an ihrem Unterton  konnte ich mir  schon ziemlich genau denken, was sie glaubte.

 

Wie auch immer, eine noch verfügbare Kapazität von 90 Minuten war ja nun wahrlich keine Reserve, auf der man sich ausruhen konnte – und so blieb uns nichts anderes übrig als schnellstens für Abhilfe zu sorgen und uns ebenfalls in das Getümmel zu stürzen. Aber egal um welche Tageszeit wir es auch versuchten, trafen wir immer auf eine lange Reihe von wohlgenährten und in zahllosen Auseinandersetzungen um die Poolliegen dieser Welt gestählten Briten, die den Zugang zu den heiß begehrten drei Steckdosen blockierten und darauf warteten, dass ein Platz frei wurde, was denn auch ab und zu geschah, worauf immer ein wüstes Gedränge anhub, das damit endete, dass der Glückliche, der aus dem Handgemenge als Sieger hervorging, ein Triumphgeheul erhob als hätte er sechs Richtige mit Superzahl. Gegen diese Phalanx gewaltbereiter Elektrogerätenutzer hätten wir nicht den Hauch einer Chance gehabt und ein Versuch, uns mit Gewalt zu behaupten, hätte wahrscheinlich den Verlust von Leib und Leben zur Folge gehabt.

 

Also mussten wir unseren Mangel an physischem Durchsetzungsvermögen durch die Kraft des Geistes ersetzen. Meine Idee, den Wecker auf drei Uhr nachts zu stellen und eben schnell im Schlafanzug hinüber zur Ladestation zu huschen,  legte ich nach Petras Hinweis auf die riesigen Donnerbüchsen, mit denen die Campwächter, aus gutem Grund oder in der Amtssprache ausgedrückt, aus gegebenem Anlass, ab 18 Uhr bewaffnet durch das Camp stiefelten, ganz schnell wieder ad acta. Um ganz sicher zu gehen, erinnerte sie mich noch an das Gespräch mit unserem Guide Julius, der am Morgen beiläufig erwähnt hatte, dass sich in der Nacht ein Leopard im Camp herumgetrieben hätte. Einer der Campwächter hätte in der Früh direkt bei Tent number two seine Spuren entdeckt. Nun rate mal, lieber Leser, welche Number unser Tent wohl hatte! Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass Julius, der wahrscheinlich wusste, in welchem Zelt wir untergebracht waren, sich diese Leopardennummer ausgedacht hatte um uns ein wenig ins Bockshorn zu jagen. Zuzutrauen wäre ihm das allemal, denn wie er schon mehrfach unter Beweis gestellt hatte, verfügt der gute Julius über einen ziemlich hintergründigen Humor.

 

Nach dem Frühstück fiel uns eine Elefantenfamilie auf, die in dem Sumpf um dessen Ufer herum unser Camp im Halbkreis angelegt war, nach Futter suchte und sich dabei langsam aber stetig der Uferböschung näherte. Als wir zu unserer zweiten Ausfahrt aufbrachen meinte Petra noch, dass es nicht mehr lang dauern würde bis die Elefanten die ersten Zelte erreichen.

 

Nachmittags hörten wir von unseren Zeltnachbarn, dass die Elefanten so um die Lunchzeit herum in das Zentrum des Camps eingedrungen waren, wo  sie sich über das Obstbüffet  hergemacht und ratzekahl leer geräumt hatten. Die Gäste mussten alles stehen und liegen lassen und schnellstens in die relative Sicherheit des nahen Restaurantzelt flüchten,  wo sie so lange gefangen waren, bis sich die Elefantenmama mit ihren zwei Kindern wieder in den Sumpf zurückzog. Die vage Idee, dass in diesem Vorfall die Lösung unseres Akkuproblems liegen konnte, festigte sich schnell zu einem listigen Plan und frohgemut brachen wir zu unserem nachmittäglichen Gamedrive auf  (grausames Wort, ich weiß. Aber ich benutze es auch nur um das noch schlimmere Wort „Pirschfahrt“ zu vermeiden).

 

Kaum waren wir wieder im Camp,  starteten wir auch schon das Unternehmen Steckdose. Ich stopfte mir die Taschen mit leeren Akkus voll, behängte mich mit diversen Ladegeräten und unserem Welt-Adapter und schlenderte in aller Ruhe mit Petra zum Office, wo sich bereits wieder eine ansehnliche Warteschlange gebildet hatte. Während ich mich brav in selbige einreihte, verdrückte Petra sich unauffällig seitlich ins Gebüsch. Es dauerte kaum eine Minute als plötzlich aus dem Gestrüpp hinter dem Office ein lautes und beängstigend authentisch klingendes Schnaufen,  Rascheln und Knacken einsetzte.

 

Donnerwetter, dachte ich, ordentlicher Radau für so eine zierliche Person und wie erwartet, brach sofort Panik aus. In Erwartung der Elefantenherde, die da im Begriff war durch das Unterholz zu brechen, stürzte alles davon, um sich im Restaurantzelt in Sicherheit zu bringen. Die Verletzungen einiger Flüchtlinge, die bei der wilden Stampede in den Staub gestampft wurden, waren mindestens genau so schlimm, als wenn sie vor die Hörner eines missgelaunten Kaffernbüffels geraten wären. Vor letzteren werden die Gäste ausdrücklich gewarnt  und einer der Campwächter erzählte uns, dass so ein Büffel manchmal stundenlang in einem Busch versteckt lauert, bis jemand nahe genug herankommt, also im Grunde nichts anderes als die in deutschen Polizeikreisen beliebte Praxis zum Fang von Verkehrssündern.

 

Sagte ich eben, dass ALLE Gäste flohen? Gerade als ich im Vollgefühl des Triumphs des Geistes über die rohe Gewalt die Schwelle zum Office überscheiten wollte und im Halbdunkel des Raumes schon die elfenbeinfarbenen Steckdosen schimmern sah, wurde ich von einem mörderischen Closeline nieder gefegt und bevor ich in das Dunkel der Bewusstlosigkeit hinüber glitt, konnte ich gerade noch wahrnehmen, wie drei ältere Ladies mit einem hintergründigen Lächeln auf den pergamentenen Lippen über mich hinweg stiegen.

 

Als wir dann später versuchten herauszufinden, warum unser schöner Plan nicht so wie erhofft funktioniert hatte, meinte Petra, dass es an mangelndem Engagement nicht gelegen haben konnte, denn die drei älteren Gentlemen im Unterholz um sie herum hätten geknackt, geraschelt und gegrunzt wie eine ganze Büffelherde.

 

Aber, lieber Leser, zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass das Schicksal noch viel härtere Prüfungen für mich bereithielt und die Wirklichkeit um so vieles grausamer sein kann, als die aus dramaturgischen Gründen ein wenig ausgeschmückten Begebenheiten im Little Governors Camp. Doch davo+n mehr in Akkus Teil 3.