Frühere Reisen

Unsere erste Reise, die uns auf eine Dreitagesafari durch Tsavo West und Amboseli mit anschließendem Badeurlaub an der kenianischen Pazifikküste führte, sollte nicht zuletzt wegen der doch erheblichen Kosten auch die einzige bleiben. Wir mussten jedoch sehr bald feststellen, dass unsere Safari nicht optimal, ja, noch nicht einmal durchschnittlich gewesen sein konnte.

 

Im Amboseli war es die ganzen zwei Tage grau, kühl und regnerisch. Die Pisten waren verschlammt und rutschig und der von tief hängenden Regenwolken verhüllte Kilimanjaro gestattete uns kaum einen Blick auf seinen schneebedeckten Gipfel. Überhaupt erinnerte das Wetter eher an einen durchschnittlichen norddeutschen Totensonntag. Zu Beginn der Fahrt erteilte mir unser Guide auf meine Frage, was für Tiere wir hier wohl sehen würden, eine für die afrikanische Höflichkeit ziemlich untypische Abfuhr: „You will see, what you have payed for!“ Demzufolge haben wir wohl nicht annähernd genug bezahlt, denn mit Ausnahme der ortstreuen Elefanten und Büffel sowie einiger Gnus, die wohl den allgemeinen Aufbruch verpasst hatten oder denen der ewige Wanderstress einfach zu viel war (Ich hab die Nase voll von dem ewigen Hin- und Hermigrieren, jetzt ist Schluss, ich bleib hier, die paar Monate werd ich schon irgendwie überstehen), gab es nicht viel zu sehen.

 

Das einzige Raubtier, dem wir näher kamen, war abgesehen von einer Gruppe von drei Löwinnen in ziemlicher Entfernung sowie zwei Geparden, ebenfalls außer Reichweite unserer Kamera, war eine am Wegrand im Nieselregen sitzende, durchnässte und ziemlich trübselig dreinschauende Hyäne, die aus unerfindlichen Gründen nicht willens war, in ihrer direkt hinter ihr befindlichen Höhle Schutz zu suchen. Zebras oder gar Giraffen bekamen wir im Amboseli überhaupt nicht zu Gesicht. Man muss sich das vorstellen: Kein einziges Zebra!

 

Im späteren Erfahrungsaustausch mit anderen Reisenden wurde uns klar, dass die Ursache für unseren Misserfolg weder Ort noch Dauer, sondern schlicht und einfach nur der Zeitpunkt war, denn zwei Wochen vorher war, wovon wir uns anhand vieler Fotos überzeugen konnten, der Amboseli noch voller Tiere aller Art gewesen. Bei unserer Ankunft war die kleine Regenzeit (etwa Anfang November bis Anfang Dezember) bereits in vollem Gange und die meisten Herdentiere waren, wohin auch immer, abgewandert.

 

Am spannendsten war noch jedes Mal die Frage, ob wir wohl unbeschadet durch das nächste Matschloch hindurch kommen würden, was aufgrund der überdurchschnittlichen Fahrkünste unseres Guides stets der Fall war, auch an dem Schlammloch, in welchem am Tag vorher eine Reisegruppe aus Österreich stecken geblieben war. Der Befreiungsversuch durch ein anderes Safarifahrzeug endete damit, dass dieses ebenfalls ganz schnell festsaß und genau so wie das erste weder mit Motorkraft noch durch Anschieben flott zu machen war. Erst nach etwa vier Stunden,  inzwischen war es schon rabenschwarze Nacht geworden, wurden sie durch ein Rangerfahrzeug aus ihrer misslichen Lage befreit. Das war schon ein ziemlich trauriger Anblick, als die armen Ösies am Abend mit hängenden Ohren und schlammverkrustet in der Lodge eintrafen. Unsere Ausbeute bei der Fahrt durch den nordwestlichen Teil des Tsavo West, den wir mehr oder weniger im Schweinsgalopp durcheilten, war noch unergiebiger. Immerhin bekamen wir einige Zebras und sogar zwei Giraffen zu sehen.

 

Trotz allem hatten wir auf der dreitägigen Tour eine Menge Spaß mit unseren Mitreisenden, einem lustigen jungen Ehepaar aus Dietz an der Lahn und einem Wahlmünchener, der vor allem durch seine höchst intelligenten Fragen auffiel und gerade deswegen mehrfach unfreiwillig für Erheiterung sorgte. Seine Begleiterin war eine sehr zurückhaltende Schwedin, die, wenn sie überhaupt einmal etwas von sich gab, dies mit ersterbender Stimme tat und dann meist nur auf schwedisch, und die noch ihre stärksten Momente hatte, wenn sie mit ihrem Liebsten abends auf der Hotelveranda saß und versonnen die Eiswürfel in ihrem Drink klimpern ließ.

 

Unser Guide Radjab, ein knorriger, wortkarger Afrikaner, übrigens nach meiner Erfahrung beides in diesem Land relativ seltene Eigenschaften, war, wie schon angedeutet, anfangs ziemlich grob und abweisend. Im Lauf der drei Tage jedoch wurde er immer aufgeschlossener und gesprächiger, Am Ende der Safari konnte man ihn sogar richtig lieb haben. Ich bin mir nicht sicher, was diesen Wandel verursachte, tendiere aber stark zu der Meinung, dass er mit fortscheitender Reisedauer etwas für die Höhe seines Trinkgelds tun musste. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass er sich erst an die ewige Fragerei unseres Wahlmünchners gewöhnen musste, denn dieser löcherte ihn von Anfang an permanent wie ein Kind, das nicht  fragt, weil es etwas wissen will , sondern einfach nur weil ihm langweilig ist. „Papiiee, warum geht denn immer abends die Sonne unter und warum bleibt se denn nicht gleich oben, wenn se nächsten Morgen wieso wieder aufgehn tut?“

 

Als wir im Amboseli nach dem ziemlich ereignislosen ersten Tag gegen Abend plötzlich zum ersten Mal Elefanten sahen, die vom Ufer des kleinen Sees am Fuß des Observation Hills kamen und gemächlich direkt an uns vorbei in die Savanne zogen, hörten wir den Münchner mit der gleichen gedämpften Stimme, mit der Seelmann-Eggebert oder wie der noch mal heißt, die Krönungsfeierlichkeiten/hochzeiten/Kindstaufen am britischen Königshof kommentieren würde, oder der des wirren Sportreporters, der in die Aufwärmphase eines Tennismatches hineinraunte: „Tracy Austin! Lange Zeit war sie 14 Jahre. Aber jetzt wird sie 15“ (Ich hab’s noch im Ohr und werde diese Sternenstunde des deutschen Sportjournalismus niemals vergessen) in unser Schweigen hineinfragen: „Where do they come from?“ „They come from work“ murmelte Radjab todernst in der gleichen Stimmlage. Aha, okeyyyy!

 

Aber der gute Münchner scheint ein Mensch zu sein, der den Dingen ganz auf den Grund geht und sich nicht so leicht abschrecken lässt, denn nach kurzer Pause wollte er wissen: “And where will they go now?“  Radjab wusste auch das: „Now they go home“! Obwohl das kaum noch zu überbieten war, gelang es ihm mühelos,  am nächsten Tag noch einen drauf zu setzen, als er sich aus dem Seitenfenster lehnte und mit Fingerschnippen und “TZ tz tz“ versuchte, die trübselige Hyäne wie ein Hündchen anzulocken, worauf mir der spontane Kommentar: „Also jetzt heerts aber werklisch uff!“ entfuhr. Während die kleine Eigenart dieses jungen Mannes rein individuellen Ursprungs sind und nichts mit landsmannschaftlichen Eigenarten zu tun haben dürften, kann man auf Reisen  recht schnell einige für bestimmte Nationalitäten typische Verhaltensweisen erkennen. So konnte ich bei vielen Unserer deutschen Landsleute beobachten, dass sie an ungewohnten Orten, beispielsweise wenn sie ein Hotel erstmals betreten, versuchen, ihre offensichtliche Unsicherheit hinter einem steifen und irgendwie trotzigen Auftreten zu verbergen, als wollten sie gleich von vorne herein jedem klarmachen, dass sie nicht gewillt sind, mangelnden Respekt, von wem auch immer, hinzunehmen.

 

Im Gegensatz zum Umgangston vielen Briten, die das Personal immer noch so ansprechen wie es bei den weißen Bwanas der Kolonialzeit üblich war (Here Boy!  I have to talk to you!) ist es ein häufig bei uns Deutschen zu beobachtende Eigenart, Kellnern oder sonstigen Dienstleistenden gegenüber in eine kumpelhafte, viel zu laute und vertraute Art zu verfallen.

 

Beim Erfahrungsaustausch auf der Rückreise oder zu Hause, wenn die Freunde und Bekannten mit Reiseberichten, Dias, Aufschnitthäppchen und zu allem Übel noch einem schrecklich schlechten Wein aus dem Urlaubsland traktiert werden, kommt irgendwann unweigerlich: „Also die Schwarzen (Griechen, Türken, Ägypter)... Na, man kennt sie ja! Aber unser Ali (Ramon, Alessandro Georgios)  da im Dingshotel, also der war da ganz anders. Der war ja schon fast ein halber Deutscher!“ Wenn dann der Dröhnsack von Gastgeber  endlich mal Luft holen muss, rundet die Dame des Hauses den Bericht aus ihrer Sicht ab: „Und immer adrett und sauber angezogen war der“ oder „also, ein tadellosen Benehmen hatte der – und immer gut gelaunt“! Ingesamt jedoch verhält sich der durchschnittliche deutsche Reisende, wenn man die Anhänger des Sauf- oder und Bumstourismus ausklammert, ziemlich unauffällig, was man von unseren Freunden aus den USA nun überhaupt nicht sagen kann. Nee, also Unauffälligkeit kann man ihnen nun wirklich nicht unterstellen.

 

An einem Hippopool in der Serengeti waren wir gerade dabei,  die Nilpferde zu filmen, als einer dieser Riesenbusse für über 20 Personen auf dem Parkplatz anhielt und eine Gruppe amerikanischer Touristen ausspie, die sich über das Gelände verteilten und sofort anhuben, über eine Entfernung von 20, 30 Metern lautstark ihre Eindrücke auszutauschen und ihrer Begeisterung ob der vielen Flusspferde Ausdruck zu geben.

 

Jedes Prusten oder Schnaufen eines der Nilpferde wurde mit einem solchen Gejohle und Geschrei belohnt, dass man es noch Kilometer entfernt hören konnte, ganze Gnuherden in Panik auseinander stoben und das Siegesgeheul der Sioux am Little Big Horn dagegen ein müdes Geflüster war: „Yeeepiiiy!” „Oh whoooww! All that Hippos!  Incredible !” “Prissy, see the Baby over there! I love it!“ “Heyyy, look! Look at that!  He’s diving!” „Oh my god!” (diesen Ausruf gebraucht eine durchschnittliche Amerikanerin durchschnittlich 632 mal täglich.) What a monster! Have you ever seen such a monster? Doesn’t it look like auntie Mae?”  Kamera aus, Hippos Hippos sein lassen, rein ins Auto, Tür zu und ganz schnell (haraka sana, wie der Ostafrikaner sagt) weg! Ist das die Nation, die den Computer erfunden und die ersten Menschen zum Mond geschickt hat?

 

Auch in punkto Peinlichkeiten macht ihnen so leicht keiner was vor. Eine junge Amerikanerin versuchte sich im Anschluss an eine Fußwanderung im Ngorongoro Krater im small talk mit einem der als Begleitschutz angeheuerten Massai in traditioneller roter Tischdeckengewandung mit Speer und Autoreifensandalen, den sie fragte, ob er wohl schon mal in Amiland gewesen sei. „Have you ever been in the States?“ Geil! Da wäre ich liebend gerne dabei gewesen! Oder die nette ältere amerikanische Dame, die in Südindien ihre Mildtätigkeit über einen zerlumpten Bettler auskübelte, dem sie mit den Worten „Here, you poor old Indian man. I give you an American Dollar!” einen Geldschein hinwarf.

 

Etwas eigentümlich und fremdartig erscheinen mir auch immer die Japaner, die meist wie die Amis in großen Gruppen unterwegs sind. Angeblich sind sie bevorzugte Safarigäste, weil sie immer mal wieder für Erheiterung der Guides sorgen, wenn sie trotz eindringlicher Warnung zum Fotografieren aus dem Safaribus aussteigen, um bessere Bilder von den gerade mit ihrem Lunch beschäftigten Löwen zu bekommen. Dass japanische Reisebüros angeblich aus diesem Grund vorsichtshalber immer nur die Hinreisekosten vorab berechnen sollen und den Rest erst nach erfolgreicher Heimreise, halte ich aber doch für leicht übertrieben.

 

Ich bin jedoch sicher, dass ein Japaner auch in einer solchen Extremsituation nicht seine Höflichkeit vergisst  und sich bei dem Löwen, der ihn gerade in den Busch zerrt, entschuldigt, dass er etwas verschwitzt riecht. Bei der Football-Amateurweltmeisterschaft 2002 in Hanau kam Japan ins Endspiel und dementsprechend waren einige Fliegerladungen Fans aus Nippon im Stadion. Eine ältere japanische Dame, die in der Reihe vor uns saß, musste mal raus und machte vor jedem Zuschauer, an dem sie sich vorbeidrängen musste, mit an die Oberschenkel gelegten Händen eine kleine Verbeugung und sagte etwas Japanisches. Da sie ziemlich in der Mitte saß, ist es zweifelhaft, ob sie es noch rechtzeitig aufs Klo geschafft hat. Bei den letzten zwei oder drei Verbeugungen wirkte sie jedenfalls schon ziemlich verkrampft. Auf dem Rückweg wiederholte sie die Prozedur und als sie dann endlich an ihrem Platz angekommen war, hatten die Japaner das Spiel gewonnen und die Siegerehrung war gerade zu Ende.

 

Ansonsten wirken die Teilnehmer japanischer Reisegesellschaften immer leicht gestresst und irgendwie gezwungen, so als ob sie das alles nicht freiwillig auf sich nehmen würden sondern sie ein, von wem auch immer verordnetes, leidiges Pflichtprogramm absolvieren müssten.

 

Kurz und gut, eine zweite Reise musste her, auf der wir alles besser machen wollten und die, vorweg genommen, in jeder Beziehung ein voller Erfolg war und unsere Erwartungen weit übertraf. Unsere siebentägige Rundreise führte uns durch die unterschiedlichsten Landschaften Kenias von dem flachen halbwüstenartigen Amboseli mit dem über der Ebene thronenden Kilimanjaro, der sich uns im Gegensatz zur ersten Reise unverhüllt und bei schönsten Sonnenwetter präsentierte und dessen Anblick ohne weiteres einen Aufpreis von 100 Euro gerechtfertigt hätte, über den fast europäisch vertraut anmutenden Regenwald an den Hängen des Mount Kenya, die Samburu National Reserve mit der eigenartig zauberischen, verträumten Atmosphäre der Samburu Serena Lodge am Ufer des Ewaso Ngiro und den flamingoumsäumten Ufern des Lake Nakuru durch das grandiose Rift Valley bis zur Masai Mara, dem kenianischen Ausläufer der Serengeti. Von Nashörnern und Löwen bis zu Nilpferden und Krokodilen haben wir eine Unmenge der verschiedensten ostafrikanischen Grosstiere beobachten können (zur Vermeidung einer weiteren Klischeestrafe erspare ich mir die Bezeichnung „Big Five“) und erlebten unvergessliche Momente, wie beispielsweise im Samburu als wir in einem Ufergehölz auf unseren ersten und einzigen Leoparden trafen, der nur einige Meter von uns entfernt auf einem dicken Ast saß und sich uns fast eine halbe Stunde lang präsentierte, bis er mit einem eleganten Sprung seinen Hochsitz verließ und sich ohne Eile entfernte, wobei er im Vorbeigehen nach Katzenart seine Schulter an dem zweiten, inzwischen dazugekommenen Auto rieb.

 

Oder die Begegnung mit dem Nashorn am Ufer des Lake Nakuru, das, obwohl Nashörner oft als schlecht gelaunt und reizbar beschrieben werden, völlig entspannt und ohne uns zu beachten, im strömenden Regen liebevoll, anders kann man es nicht bezeichnen, mit seinem Jungen gespielt hat. Nicht zu vergessen die drei Löwenbabies in der Masai Mara, die nichts als Unfug im Sinn hatten und auf ihrer geduldigen Mutter und Tante herumturnten.

 

Die vielen spektakulären Beobachtungen auf dieser Reise verdanken wir ohne Zweifel der Erfahrung und dem erstaunlichen, manchmal schon unheimlichen Spürsinn unseres Fahrerguides Lazarus. Wenn es etwas zu sehen gab, waren wir fast immer die ersten und oft auch die einzigen am Ort des Geschehens (aber ganz ehrlich gesagt habe ich bisher kaum eine Reisegruppe getroffen, die das von ihrem Guide nicht auch behauptet hätte). Man konnte es ihm förmlich anmerken wenn „etwas im Busch“ war. Wir fahren am Ufer des Ewaso Ngiro entlang als er plötzlich unruhig wird. Die Äuglein flitzen hin und her und es sieht fast aus als würde er Witterung aufnehmen. Dann biegt er abrupt vom Weg ab, fährt um zwei Ecken... und voila´, da sitzt er, der Leopard! Genau so war es auch in der Masai Mara. Er ist plötzlich ganz gespannte Aufmerksamkeit, wechselt die Fahrtrichtung, umrundet einen kleinen Hügel, fährt durch ein Bachbett und vor uns liegen die beiden Löwendamen mit den drei Babies in Gras!

 

Fragt mich nicht, wie er das macht. Etwas gesehen haben konnte er in beiden Fällen nicht. Die Stelle, wo wir den Leoparden fanden, kann er als Erfolg versprechend gekannt haben, nicht aber den Platz, wo die Löwinnen lagerten, denn das war eine x-beliebige Stelle, die keinerlei Besonderheiten aufwies. Sprechfunk kann, wie ansonsten in 80 % aller Fälle, kann hier auch nicht die Ursache gewesen sein, denn außer uns war keine Sau in der Nähe.

 

Wir haben später einigen Afrikanern von Lazarusens erstaunlichen Fähigkeiten berichtet, die sich darüber keineswegs verwundert zeigten, als sie hörten, dass er ein Kamba ist. Auf unsere Frage, ob die Kamba für diesen ausgeprägten Spürsinn bekannt seien, meinten sie, das wüssten sie nicht aber die Kamba seien als Hexer bekannt und wären alle in schwarzer Magie bewandert. Uns ist an Lazarus allerdings außer, dass er ein sehr guter Fahrerguide und äußerst angenehmer Reisegenosse ist, immer schnieke Klamotten trägt und einen ziemlichen Schlag bei den Mädels im Lande längs den Safaristrecken hat, nichts Außergewöhnliches aufgefallen.

 

Weit gefehlt zu glauben, dass unser Afrikabedarf jetzt gedeckt gewesen wäre. Noch hatten wir ja nicht die sagenhafte Serengeti und den von Professor Grzimek als ein Weltwunder bezeichneten Ngorongoro Krater gesehen. Die logische Folge war also eine dritte Reise, diesmal nach Tansania, allerdings ohne nachfolgenden Badeurlaub, der zwar geplant war und auf der Insel Sansibar stattfinden sollte, dann aber den Sicherheitsbedenken unseres Reiseveranstalters zum Opfer fiel. Wir kamen uns schon ziemlich doof vor, als alle Welt nach den Safaris nach Sansibar flog und wir mit hängenden Ohren in Richtung Heimat abschwirren durften und dabei ist Sansibar doch Petras großer Traum!

 

In elf Tagen bereisten wir das nördliche Tansania vom Tarangire Nationalpark über den Lake Manyara und dem Ngorongoro bis zur Serengeti. Nicht zu vergessen unser höchst beeindruckender Abstecher zur Olduvaischlucht (die eigentlich Oldupaischlucht heißt, wie uns von einem Afrikaner vermittelt wurde), dem Fundort von Fossilien einiger unserer frühesten Vorfahren. Start- und Endpunkt der Reise war die Provinzstadt Arusha südlich vom Kilimanjaro.

 

Wie unser niedlicher (O-Ton Petra) Guide Othman bei den tansanischen Mädchen ankommt, blieb uns verschlossen, aber dass er im Aufspüren von Tieren Lazarus nicht das Wasser reichen kann, war sehr bald offensichtlich. Dieser Umstand erwies sich jedoch zumindest in der Serengeti nicht als sehr störend, denn der Tierreichtum ist dort so überwältigend, dass man sich schon richtig anstrengen müsste, wenn man nicht mehrfach am Tag auf ganze Löwenrudel in den unterschiedlichsten Situationen, entweder im Schatten unter Bäumen ausruhend, beim Aufbruch zur Jagd, während der Jagd oder beim Verzehr ihrer Beute stoßen will. Auch die Begegnungen mit den riesigen Zebra- und Gnuherden  sind zwangsläufig. Einmal überquerte eine Zebraherde vor uns die Piste und als nach mindestens zwanzig Minuten die letzten über den Weg liefen, waren die ersten in der Ferne kaum noch zu sehen.

 

Bei den schon etwas selteneren Tieren wie etwa Leoparden oder gar Geparden und Nashörnern verdiente unser Othman trotz seiner Massaiabstammung eine glatte Fünf. Geparden haben wir auf der gesamten Reise nicht gesehen und Nashörner oder Leoparden bekamen wir nur in Blattlausgröße vor die Linse – und das auch nur dann, wenn andere Guides die Sichtung eines Tiers über Funk bekannt gaben. Bis wir dann ankamen, war entweder der Markt schon verlaufen oder wir durften uns in der dritten Reihe anstellen und bekamen kaum etwas vom Geschehen mit, was einmal ganz besonders ärgerlich war, als eine jagende Löwin sich im Schutz unseres Autos einer Zebraherde näherte, dann an uns vorbei preschte und im entscheidenden Moment von den vor uns stehenden Fahrzeugen verdeckt wurde.

 

Allerdings war Othman recht gut bei Stimme und hat uns öfter mal  das allseits bekannte  „Jambo Bwana“, das man ansonsten zum Glück in Tansania nur halb so oft wie in Kenia, also maximal fünfzehn mal am Tag, zu hören bekommt, sehr schön ton- und textsicher vorgetragen.

 

Vom Tierreichtum des Ngorongorokrater waren wir etwas enttäuscht. Wir sahen zwar auch Tiere, sogar Löwen und ein Nashorn, jedoch bei weitem nicht in den Mengen und der Vielfalt, die wir aufgrund der vielen Berichte, die den Krater als riesigen Freilandzoo schildern, erwartet hatten. Aber selbst wenn wir kein einziges Tier im Krater gesehen hätten, wäre unser Besuch ein unvergessliches und für immer bereicherndes Erlebnis gewesen.

 

Bei unserer Anfahrt hatten wir durch die Vegetation links und rechts von der Straße bis ganz oben hin kaum eine Aussichtsmöglichkeit. Umso überwältigender war dann das Bild, das sich uns bot, als wir dann direkt am Kraterrand bei dem Denkmal für Michael und Bernhard Grzimek  ausstiegen und auf den Kraterboden hinabschauten. Selbst jetzt nach einem Jahr fühle ich noch die tiefe Ergriffenheit, die uns in minutenlangem Schweigen verharren ließ.

 

Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, gehört zu haben, dass Vater und  Sohn unter diesem Denkmal beerdigt sein sollen, was sich nicht unerheblich auf unserer Gefühlslage an diesem Ort ausgewirkt hat, ist es doch letztlich dem lebenslangen Engagement und den Erkenntnissen dieser beiden Männer zu verdanken, dass das zur Erhaltung der riesigen Tierherden erforderliche Ökosystem über Ländergrenzen hinweg bis in die heutige Zeit erhalten geblieben ist und die Michael Grzimek mit seinem Leben bezahlt hat.

 

Ein ebenfalls besonderes Erlebnis, aber ganz anderer Art waren die Fahrten zum Kraterboden hinunter und wieder zum Kraterrand hinauf, bei denen ein Höhenunterschied von mehreren hundert Metern zu überwinden ist. Auf der einen Seite die Felswand und auf der anderen, keinen halben Meter vom Rad entfernte der steile, manchmal fast senkrecht abfallende Hang.

 

Zum Glück gibt es auf diesen abenteuerlichen Pisten keinen Gegenverkehr, sondern es führt je ein Weg Hinauf und hinunter. Über diese Saumpfade steuerte Othman unseren Toyota Landcruiser recht nonchalant und nicht unbedingt langsam, wobei er in angeregtem Gespräch mit mir immer wieder über die Schulter nach hinten schaute und den Blick kurz vom Weg abwandte.  Petra wurde immer blasser um die Nase. „Mir ist schon ganz schlecht. Hör um Himmels willen auf, mit ihm zu reden. Er soll sich auf die Straße konzentrieren!“ Um ganz ehrlich zu sein: Ich genoss zwar den herrlichen Ausblick und hatte auch keine feuchten Hände, aber als wir dann endlich sicher unten (oder oben) angekommen waren, war auch mir etwas wohler. Aber Othman hatte noch mehr starke Momente. So wäre es ihm am Lake Manyara fast gelungen, mit unserem Toyota einen Elefanten zu erlegen (oder uns in die ewigen Jagdgründe zu befördern). Wir waren  im Park unterwegs und hatten uns verspätet. Othman befürchtete, nicht mehr rechtzeitig den Ausgang zu erreichen und wollte die dafür  fällige Strafe vermeiden. Also preschte er mit voller Pulle durch die bereits sehr dämmerigen Waldwege in Richtung Parkausgang, als hinter einer Biegung plötzlich ein Elefant auf den Weg hinaustrat. Nur Petras Schreckensruf, die den Elefanten zuerst sehen konnte, verhinderte, dass wir mit voller Fahrt in ihn hinein krachten. Othmans Vollbremsung verschaffte ihm gerade noch genug Zeit, sich mit einer für ein solch großes Tier erstaunlichen Wendigkeit förmlich zurück zu werfen und im Dickicht zu verschwinden.

 

Eigentlich sollte es nach dieser Reise keinen Grund mehr für uns geben, noch einmal nach Ostafrika zu fahren, denn es gibt ja noch mehr schöne Orte auf der Welt. Inzwischen ist uns jedoch aufgegangen, dass es überhaupt keiner logischen Begründungen bedarf und völlig egal ist, wie oft man schon da war. Kenia hat uns im Griff und lässt uns nicht wieder los. Kaum ist man von einer Reise zurück, wartet man schon mit Schmerzen auf die nächste! Wahrscheinlich haben wir den "Point of no Return" ohne, dass uns das bewusst wurde, wenn nicht schon auf der ersten, so doch spätestens auf der zweiten Reise überschritten. Also werde ich es mir versagen, die vor uns liegende Reise als den abschließenden Höhepunkt und Abschied von Afrika zu bezeichnen. Vielmehr beende ich dieses Kapitel mit dem Kaiserzitat „Schaun mer mal!“!